Mit dem Haibike SDURO Full FatSix betritt nach dem Huraxdax El vom Maxx (hier geht’s zum Test) das zweite vollgefederte e-FATBike die FAT-Bike.de Showbühne. Wie wir auf unserer Facebooke Page sehen können, wird das Thema nach wie vor leidenschaftlich und sehr kontrovers diskutiert. Wir konzentrieren uns heute aber – wie üblich – auf Fakten!

Das Haibike Full FatSix 7.0 im Test

7.0 – das Topmodell

Wir haben das Topmodel 7.0 unter die Lupe genommen, welches vor allem mit der kompletten Shimano Deore XT Ausstattung glänzt. Beim Fahrwerk setzt HaiBike auf bewährte Rock Shox Technik: eine 120mm Bluto mit Remote Lockout vorn und einen Monarch RT3 Dämpfer hinten. Geschaltet wird 1×11 und dank Shimano’s “Dual Release” Technologie lassen sich die Gänge angenehm flott neu sortieren.

Ritzel wie Pizzateller: die XT 11-46 Kassette

Der mächtigen 11-46 Kassette stellt Haibike ein nicht minder mächtiges 38er (!!) Kettenblatt zur Seite. Mit dieser ungewöhnlichen Kombination ließ sich das Full FatSix im Test auf über 50km/h (leider nur bergab) beschleunigen. Ein krasser Wert für 1×11…

38 Zähne. Mehr hat keiner!

Der Rahmen besteht aus hydrogeformtem 6061er Alu, Steckachsen sind natürlich sowohl hinten als auch vorn an Bord. Im Rahmen sitzt auch der Yamaha PW-X Motor, der 250W und 80Nm leistet und von einer 500Wh Batterie unter Spannung gesetzt wird. Diese sitzt leider optisch weniger ansprechen auf dem Unterrohr – hier gefallen uns integrierte Lösungen wie bei Bosch doch deutlich besser. Geschmackssache.
Zur Reichweite belassen wir es mit dem alten Credo von Rolls Royce: ausreichend. Wir haben kein objektives Testszenario, allerdings hat uns der Akku auf keiner Testfahrt im Stich gelassen.

Kraftklotz: der 500Wh Akku

Kurz gesagt: die Ausstattung lässt keine Wünsche übrig. Fast. Was wir zum einen während des Haibike Full FatSix Tests schmerzlich vermisst haben, war eine Dropper Post. Dazu später mehr. Zum anderen sind die Alexrims Blizzerk Pro Felgen nicht für Tubeless vorbereitet. Und ob man es glaubt oder nicht: dank des schieren Gewichts des Full FatSix und dem hervorragend gedämpften Hinterbau sind Bordsteinkanten hässliche Hindernisse und hat man schneller einen Snakebite als einem lieb ist… Die sehr leichten und damit empfindlichen Schläuche unterstützen das zusätzlich. Besser: Tubeless, dann ist Ruhe!

Wie auf Schienen

Alles auf einen Blick. Alles!

Man sitzt bequem auf dem Haibike Full FatSix, fast schon wie auf einem Enduro Motorrad. Der eher flache Lenkwinkel von 68° verstärkt diesen Eindruck und verspricht ein stabiles, ausgewogenes Handling. Der Motor wird per Bedienpanel aktiviert und kann in vier Stufen – von Eco+ bis High – genutzt werden. Außerdem gibt es eine Schiebefunktion, die das Bike beim bergauf Schieben in Schrittgeschwindigkeit bewegt. Das hervorragende Display hat den Titel “Mäusekino” redlich verdient: es zeigt neben allen (mehr oder weniger) spannenden Fahrdaten sogar grafisch die aktuelle Untersützung an. Verspielt, aber geil.

Die Schaltzentrale

Der Motor schiebt in allen Lebenslagen satt an und ratz, fatz bist du bei 25km/h. Kurz darüber (ca. 27km/h im Praxistest) ist dann Schluss mit lustig und du darfst selbst übernehmen, wenn es schneller werden soll. Auffällig war die direkte Abstimmung des Motors. Der Nachlauf ist extrem gering, was das Handling vor allem auf rutschigen Untergründen merklich vereinfacht. Auch ist es wesentlich einfacher möglich, am Berg ohne lautes Krachen im Antrieb zu schalten. Die Kehrseite der Medaille ist, dass der Motor bei Lastwechseln bisweilen etwas hektisch wirkt. Besondern deutlich bekommt man das zwischen 26 und 27km/h zu spüren… Abgesehen davon empfinden wir diese Abstimmung jedoch zweifellos als klaren Vorteil!

Gelassen und unaufgeregt

Das Full FatSix im Ganzen. Sattel und Pedale stammen aus unserem Regal.

So lange es geradeaus geht, bleibt der Motor bei seiner Arbeit angenehm leise. Bei hoher Last, z.B. im ersten Gang an einem steilen Anstieg, wird der Antrieb aber deutlich hörbar. Im Geländeeinsatz ist das leicht kreischende Antriebsgeräusch praktisch immer präsent und nervt irgendwann. Empfindliche Gemüter könnte das auf Dauer durchaus stören.

Mächtig!

Wir haben es jedoch schnell vergessen, denn der Spaßfaktor eines e-FATFully ist nunmal enorm. Das top abgestimmte Fahrwerk mit 120mm vorn und 100mm hinten frisst Hindernisse gierig weg und der Motor schiebt unbarmherzig voran. Gerade auf verwurzelten Trails, gern auch bergauf, lernt man so eine neue Art des Vorwärtskommens kennen. Trails, die früher einfach nur genervt haben, werden plötzlich zum Spielplatz und es geht ungeahnt locker flockig voran. Dank 68er Lenkwinkel vermittelt das Bike dabei stoische Ruhe und wenn es mal eng wird, staucht die Shimano XT Bremse mit großer 203er Scheibe die Geschwindigkeit zuverlässig zusammen. Lediglich der leichtfüßige vier/nuller Schwalbe Jumbo Jim ist mit der Fuhre immer wieder mal überfordert und quittiert allzu heftige Lenk- und Bremsmanöver gelegentlich mit ratlosem Wegrutschen. Es gibt deutlich bissigere Reifen, die ebenfalls leicht rollen, für den Einsatz an einem so schweren Bike aber besser geeignet sind – hier würden wir mittelfristig aufrüsten.

Insgesamt hinterlässt das Full FatSix in nahezu jeder Lebenslage einen gelassenen, unaufgeregten Eindruck.

Also eigentlich geil, wäre da nicht…

24,2kg. Ohne Pedale.

…das krasse Gewicht. Und das ist nach wie vor unser größter Kritikpunkt am e-FATBike. Freunde, wir sprechen hier über 24,2kg – plus Pedale! Was bedeutet diese Zahl in der Praxis? Klar, der Motor überkompensiert das Mehrgewicht beim Fahren natürlich locker. Auf einer Tour merkt man erstmal wenig. Aber was ist, wenn man mit dem Full FatSix auf, sagen wir, einen Weidezaun trifft? Dann kann man im Prinzip umdrehen und wieder nach Hause fahren. Wirft man das Full FatSix ambitioniert in einen verwinkelten Single Trail, ist harte Arbeit angesagt. Agil wie eine Bohrinsel fräst sich das FatSix seinen Weg. Auf verwinkelten Trails sind schnelle Richtungswechsel Kraftakte sonders gleichen. Und selbst ein einfacher Bunny Hop dürfte mit einem Sattelschlepper leichter von der Hand gehen als mit dem FatSix. Und spätestens hier fehlt, wie oben angedeutet, dann auch die Dropper Post. Leider lässt sich die Sattelstütze nämlich praktisch nicht weiter versenken, so dass zu allem Übel auch der Sattel noch ständig im Weg ist.

Schwere Brocken

Und damit sind wir beim Kern des Problems. Mit der aktuellen Batterie- und Antriebstechnik sind e-FATBikes aus unserer Sicht noch meilenweit von einer Lösung des Zielkonflikts aus einem kräftigen Zusatzantrieb versus agilem Handling entfernt. Dieses generelle Thema löst derzeit kein uns bekannte eFatty, auch nicht das Full FatSix.

Ein Stück weit kann man aber sicher unterstellen, dass man sich ein vollgefedertes e-FATBike nicht anschafft, um verwinkelten Trails den Schneid abzukaufen.

Was bleibt?

Und so bleibt: Spaß. Viel Spaß. Das Haibike Full FatSix ist ein rundum hochwertig gemachtes und top ausgestattetes Bike. Wenn wir uns etwas wünschen dürften, dann eine Dropper Post und bissigere Reifen ohne Schläuche. Der Rest lässt zwar natürlich immer irgendwie Raum für individuelle Optimierung, aber dennoch keine Wünsche offen. Mit seinem erstklassig abgestimmten Fahrwerk und dem kräftigen, feinfühlig ansprechenden Motor eröffnet das Haibike Full FatSix völlig neue Möglichkeiten und erlaubt dank seiner gutmütigen Geometrie auch weniger geübten Fahrern den einen oder anderen “Kick”.
Die Kritik am teilweise lauten Motor und dem Übergewicht sollten sich jedoch nicht nur Yamaha, Bosch und Brose, sondern auch interessierte Biker zu Herzen nehmen. Was nützt das kräftigste eFatty, wenn bereits die verwinkelte Kellertreppe zum unüberwindbaren Hindernis wird…
Alles in allem aber “Thumbs up!” – für den Listenpreis von 4.399,- € bekommt man ein vollgepacktes Paket mit Spaßgarantie.

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