Tubeless Luftpumpen für FATBikes sind ein Segen. Oder? Wer hat nicht schon mal Stunden mit dem verzweifelten Versuch verbracht, seine XXL Pellen ohne Schlauch auf die Felgen zu wuchten… Man pumpt und drückt und zerrt und flucht, aber die Dinger wollen einfach nicht abdichten. Es ist zum Mäuse melken! Wir haben daran schon so manches graues Haar gelassen – aber man wächst ja bekanntlich an seinen Aufgaben. Ein schwacher Trost.

Genau hier versprechen Tubeless Luftpumpen Abhilfe: mit bis zu 11 Bar befüllte Drucktanks sollen die Reifen regelrecht ins Felgenbett schießen. Aber was bei einem popeligem 29er Reifchen ganz formidabel klappt muss einen ausgewachsenen vier/achter Fattyschlappen nicht zwingend beeindrucken. Also haben wir es für euch ausprobiert.

Tubeless Luftpumpen für FATBikes: das Testfeld.

Booster Pumpen machen das Leben leichter!

Auf dem Weg zum beidseitigen Tennisarm unterstützen uns 3 Kandidaten: die Lezyne Digital Pressure Overdrive, die Topeak Joe Blow Booster und der Tire Booster von Schwalbe.
Da sich die verfügbaren Systeme insgesamt recht ähnlich sind sollte unser Test die wichtigsten Fragen halbwegs allgemeingültig beantworten.

Ein kleines Vorabfazit: jedes der Systeme ist wesentlich besser, als nur mit einer Standpumpe bewaffnet gegen widerspenstige Reifen zu kämpfen. Aber FATBike Reifen sehen nicht nur aus wie Sumo Ringer, sie sind auch ähnlich zähe Gegner. Und im Zweikampf geht allen 3 Kandidaten schnell die Luft aus…
Dennoch haben wir eine am Ende eine zuverlässige Lösung gebastelt. Read on!

Der Labortest…

…gehört bei uns wie üblich nicht dazu. Stattdessen haben wir zwei gängigen Felgen – eine DT Swiss BR2250 (bzw. die Felge BR710) und eine Sun Ringle MuleFüt mit 3 gängigen Reifen (einem Schwalbe Jumbo Jim 4.0, einem Vee Tire Bulldozer 4.7 und einem Maxxis Minion FBF 4.8) kombiniert und ausprobiert, was geht. Nach gefühlten 1.000.000 Pumphüben könnten wir den Hulk im Armdrücken besiegen…

Lezyne Digital Pressure Overdrive: My Lord, it’s Tea Time!

Sie erinnert uns an den Automobilbau längt vergangener Zeiten… Schwarzer Hochglanzlack, ein Holzgriff, ein mit silbernem (Kunststoff)Gewebe ummantelter Schlauch und aus dem Vollen gefräster Pumpenkopf: das ist die Lezyne Pressure Overdrive. Das digitale Manometer unserer Testpumpe wirkt da fast schon deplatziert, es will so gar nicht zum sonst vorherrschenden Stil klassischer Englischer Roadster passen. Sehr wohl dazu passt der royale Preis von 169,- Euro. Der Biker zuckt erschrocken zusammen, der Lord kurz mit den Schultern…

Woody: der elegante Holzgriff

Den ca. 14 Liter großen Drucktank füllt man mit 57 Hüben auf 11 bar, wobei die Lezyne Pressure Overdrive dabei durchaus leicht hakeligen läuft. So finden sich Englische Roadster auch im Detail wieder… Darüber, dass auch der Standfuß gern ein klein bisschen größer hätte sein dürfen, sieht man gern hinweg wenn sich die wohlgeformten Holzgriffe in die Hände schmiegen. Wir hatten vor kurzem beim Test der Joe Blow Fat den Begriff „Lustpumpe“ geprägt – verdient hätte ihn eigentlich die Lezyne. Selten war Luftpumpen so sexy.

Präzise, aber ein Zeiger wäre eleganter

Leistungsmäßig kann die Lezyne weitgehend überzeugen, der Jumbo Jim flutscht nur so auf die Felgen. Härtefälle wie den Maxxis Minion auf DT Felge bekommt aber selbst die wunderschöne Diva nicht ohne penible Vorarbeit ins Bett – weder Druck noch Volumen reichen dafür aus. Ein Stück weit steht sich die Lezyne auch selbst im Weg: der Pumpenkopf nur mit Tricks ohne eingeschraubten Ventileinsatz. Dieser limitiert aber den Luftfluss und sollte daher eigentlich rausgeschraubt werden…

Einfach nur wunderschön. Und praktisch!

Andererseits ist der Pumpenkopf samt Ablassknopf ein absolut geniales Stück Technik. Er stellt sich automatisch auf Auto- oder französische Ventile ein, kann mit einer Hand bedient und ohne Druckverlust abgezogen werden. Da können sich alle anderen Kandidaten eine ganz FATte Scheibe abschneiden.

Standfuß und Ablasshebel

Zum schnellen Überprüfen des Reifendrucks taugt die Lezyne übrigens nicht. Grund: das sehr präzise Manometer misst den Druck im Tank, nicht im Schlauch. Das bedeutet zwangsläufig einen größeren Luftverlust im Reifen, da dieser erstmal bis zum Druckausgleich den Tank füllen muss. Ab hier kann man den Reifendruck dann jedoch präzise (wenn auch nur auf 0.1 bar genau) zum Ziel pumpen – so lange man den Schlauch nicht zwischendurch abzieht.

Schwalbe Tire Booster. Volltanken, bitte!

Kleine Flasche, große Wirkung

Wenn weniger mehr ist, ist der Tire Booster von Schwalbe sehr viel. Denn eigentlich ist er nichts weiter als ein Lufttank mit 2 Ventilen und einem Schlauch dran. Seine reduzierte Bauweise lässt keinen Raum für ein eigenes Manometer. Aber es ist gerade diese Einfachheit, die ihn so interessant macht. Und relativ günstig: das Druckluftvergnügen lässt sich Schwalbe mit rund 50,- bezahlen.
Aufgepumpt wird der ca. 11,5 Liter große Tank über ein Ventil am Kopf mittels einer herkömmlichen Luftpumpe bis maximal 11 bar.

Einlass- (oben) und Auslassventil (links)

Ist das fummelige Anschlussstück, welches als einziges im Test auch ohne Ventileinsatz funktioniert, erstmal auf dem Ventilschaft angebracht muss nur noch der Hahn geöffnet werden und der Tire Booster entfaltet seinen Zauber.
Leider sind jedoch auch in seinem Fall Druck und Volumen nur für leichte bis mittelschwere Fälle geeignet. Sowohl Minion als auch Bulldozer mussten wir erst einseitig herkömmlich mit Schlauch montieren und dann die zweite Flanke halbwegs in Position zupfen, bevor sie sich montieren ließen.
In keinem Fall reicht das Volumen aber aus, um den Reifen auf Betriebsdruck zu bringen – Nachpumpen ist Pflicht. Um das zu erleichtern empfehlen wir, die Pumpe einfach am Tire Booster angeschlossen zu lassen.

Der fünfteilige Ventilkopf

Allerdings ist der Schwalbe Tire Booster ein Joker in zweierlei Hinsicht. Zum einen ist er halbwegs rucksacktauglich. Auch, wenn es sich erstmal absurd anhört: man könnte ihn mit auf die Tour nehmen umso im Notfall auch unterwegs eine Panne am Tubeless Reifen richten zu können. Zwar schafft man mit Handpumpen nur schwer mehr als 6 oder 7 bar, aber immerhin. Davon, ihn aufgepumpt mitzuschleppen, würden wir aus Sicherheitsgründen aber absehen.
Außerdem dient er in der heimischen Werkstatt als veritabler „Pumpkraftverstärker“ – siehe Abschnitt „Und nun? Ein Lösungsvorschlag.“

Topeak Joe Blow Booster. Der Haudegen.

Als letzter Kandidat betritt ein echter Haudegen das Schlachtfeld: die Topeak Joe Blow Booster. An dieser Pumpe ist alles massiv – vom gummierten Griffstück über die solide und sehr leicht laufende Kolbenstange, den wuchtigen Standfuß bis zum mächtigen Manometer welches an eine Tauchausrüstung erinnert. Ein Traum: der fast 1,60m lange Schlauch. Der ist gefühlt lang genug um bequem auf der Couch pumpen kann während das Bike auf der andere Seite der Werkstatt an der Wand lehnt. Wo eben noch die klassische Eleganz der Lezyne für Wohlfühlambiente gesorgt hat bricht sich die Topeak Joe Blow Booster ihren Weg: mit dem Ding kannst du ein Raumschiff in den Weltraum pumpen!

Alles massiv!

Ihren 11,5 Liter großen Tank füllt man mit 44 Hüben auf 11 bar, mittels einem Dreh an der „Lünette“ des Manometers entfesselt man den Sturm im Reifen. Der Pumpvorgang fühlt sich souverän und satt an, trotz hohem Kunststoffanteil strahlt alles die Solidität einer Tresortür aus. Solide auch der Preis: stolze 150,- wandern über den Ladentisch, wenn man die Joe Blow Booster legal aus dem Laden tragen möchte.

Doppelkopf mit Ablassknopf!

Der Twin Head Pumpenkopf passt sich automatisch auf das verwendete Ventil an und ist damit deutlich praktischer als der der Joe Blow Fat Pumpe. Leider funktioniert er, wie bei der Lezyne, aber nicht ohne Ventileinsatz. Und so scheitert letztlich auch die Topeak Pumpe an den großen Herausforderungen der FATBike Welt. Während sie brave Kinder wie den Jumbo Jim problemlos ins Bett bringt verlangen echte Endgegner auch hier einige Vorarbeit.

Für’s Fatty zu grob skaliert. Leider.

Das Manometer misst zwar, anders als die Lezyne Pumpe, den Druck bereits im Schlauch. Leider ist die Skalierung für ein Fatty zu grob. Für herkömmliche Bikes und insbesondere Rennräder klappt das aber zuverlässig.

Und nun? Ein Lösungsvorschlag.

Mehr Hubraum!!!

Insgesamt kann sich leider keins der getesteten Systeme wirklich gut gegen einen schwierige FATBike Reifen durchsetzen. Wie auch – grob überschlagen kommt ein vier/achter Reifen auf ca. 25 Liter Volumen. Das ist ein Vielfaches eines Twentyniner-Scheibchens und erschwert den nötigen explosionsartigen Druckaufbau enorm. Aber immerhin: irgendwann klappt es! Und das ist ein großer Gewinn.

Aufgrund des größeren Volumens perfekt geeignet: die Lezyne.

Wir haben beim Ausprobieren allerdings eine praktische Lösung gefunden: Teamwork. Dazu haben wir kurzerhand eine Tubeless Pumpe und den Schwalbe Tire Booster „in Reihe geschaltet“! Das Ablassventil der Pumpe bleibt dabei geöffnet und so werden beide Drucktanks parallel auf 11 bar aufgepumpt. Das klappt mit der Lezyne besonders gut, da diese beim Pumpen immer auch ihren eigenen Tank mit füllt. Öffnet man nun das Ventil des Tire Booster drücken beide Tanks vereint Atmosphäre in den Reifen. Der Druck bleibt gleich, aber das praktisch verdoppelte Volumen lässt genug Zeit um die Pelle in Position zu zupfen. Außerdem macht man sich so den enormen Vorteil des Tire Booster zu Nutze, auch ohne Ventileinsatz zu funktionieren. Mit 11 bar Startdruck landen am Ende sogar über 1 bar Druck im Minion!

Was bleibt?

Harte Gegner. Alle bezwungen!

Tubeless Luftpumpen für FATBikes sind eigentlich ein „must have“. Sie machen das Leben einfach leichter. Auch, wenn die Systeme mit unseren Traktorreifen mehr schlecht als recht klarkommen schlagen sie sich immer noch wesentlich besser als einfache Standpumpen. Mit ein paar Tricks (Reifen einseitig mit Schlauch vormontieren, „offene“ Reifenflanke manuell in Position ziehen, Reifen zur Volumenverkleinerung zusammendrücken) klappt am Ende dann auch eigentlich jede Montage. Insbesondere der kombinierte Einsatz rockt: ein Tire Booster und eine Booster Pumpe in Kombination blasen eurem Fatty locker die Schuhe auf.

7 Responses

  1. Ulf

    Die vorgestellten Modelle sind sicherlich gut geeignet für den stationären Betrieb. Was ich interessant finden würde, wäre ein Vergleich von einigermaßen brauchbaren Pumpen die man auf Tour mitnehmen kann. Mir ist bewußt, daß dies immer nur ein Kompromiss sein wird, jedoch besser als gar nichts wenn es wirklich mal drauf ankommt.

    Antworten
    • Matt

      Hi Ulf,

      vielen Dank für die Anregung. Rückfrage: an welche Art Pumpen hast Du gedacht? Einfach nur rucksacktaugliche Handpumpen oder denkst Du eher in Richtung mobile Lösungen, mit denen man zur Not mal ein Tubeless System reparieren kann?

      FATte Grüße

      Matt

    • Ulf

      Hi Matt,

      ich dachte dabei eher an Rucksackpumpen um einen Reifen wieder aufpumpen zu können wenn man untergrundbedingt den Luftdruck hat absenken müssen. Als Extremfall, wenn man im tiefen Schnee unterwegs ist, aber einen Teil des Rückweges über Asphalt, bzw. geräumte Straßen zurücklegen muss. Für mich wäre solch ein Test nicht nur auf tubeless Systeme beschränkt.

      Grüße,

      Ulf

  2. Simon

    Toller Bericht, aber steh ich eigentlich auf dem Schlauch. Tut es da ein einigermaßen vernünftiger Kompressor aus dem Baumarkt nicht auch? Ist in etwa gleich teuer (bei den Preisen für diese Marketing Gadgets sogar günstiger), damit kann ich dann aber gleich auch noch lackieren, reifenwechseln, sägen, schleifen, Luftballons für den kindergeburtstag befüllen, Plantschbecken aufpumpen, Schwiegermutter ärgern usw. (entsprechendes Werkzeug natürlich vorausgesetzt). Sehe den Sinn solcher Pumpen leider überhaupt nicht…

    Antworten
    • Matt

      Servus Simon,

      danke für deinen Kommentar. Bevor ich antworte: mit welchem Druckluftwerkzeug ärgert man seine Schwiegermutter??? Man(n) weiß ja nie, wozu man diese Info mal braucht… 😉
      Spaß beiseite. Deine Frage ist natürlich absolut berechtigt. Aber nicht für jeden kommt ein Kompressor in Frage. Sie sind laut, groß und unpraktisch. Viele schaffen auch nur 8bar. Bei den meisten Bikern steht der Kompressor dann auch 364 Tage im Jahr im Weg rum, weil mehr als ein Reifenwechsel pro Jahr selten nötig ist. Für gelegentliches Zwischenpumpen ist eine Standpumpe praktischer.
      Aber Du hast völlig Recht: wer den Platz hat und öfter mal Druckluft braucht, fährt mit einem Kompressor vermutlich besser.

      FATte Grüße

      Matt

  3. mike

    den tire booster verwende ich auch. damit habe ich problemslos 4.8″ reifen montiert bekommen… die flasche reicht sicherlich nicht, um den reifen aufzupumpen. sie reicht aber, um einen initialdruck zu erzeugen, der die reifenflanken halbwegs vernünftig nach außen drückt und das system felge reifen abdichtet, so dass ein normales aufpumpen möglich wird. damit der reifen sich dann sauber im felgenbett setzen kann, lasse ich die flasche für den weiteren aufpumpvorgang an der luftpumpe hängen und pumpe dann direkt mit geöffnetem hahn an der flasche nach…

    Antworten
    • Matt

      Hi Mike,

      danke für Deinen Erfahrungsbericht. Der Trick mit dem “Durchpumpen” ist super, danke dafür! Ob der Tire Booster einen Reifen aber auf die Felge bekommt oder nicht liegt stark an der Kombination Reifen/Felge. Den Minion mussten wir einseitig montieren und die andere Seite aufwändig rundherum per Hand in’s Felgenbett ziehen (und dort halten) damit ein Druckaufbau möglich war. Der Schwalbe ging dagegen einfach so drauf, ohne jegliche Vorarbeit.

      FATte Grüße

      Matthias

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