Alutech Fat Fanes. Oder: die Kunst der FATten Abfahrt!

Auf den ersten Blick: so sieht ein Freerider aus!

Auf den ersten Blick: so sieht ein Freerider aus!

In diesem Teil unseres Full Suspension FATBike Tests widmen wir uns der Fat Fanes von Alutech. Downhill- und Freeride Spezialist Jürgen Schlender hat mit der Fanes seine Interpretation des „unstoppable“ Bikes gebaut und dieses nun um der FAT Faktor erweitert. Und uns einen Prototypen für einen ausgiebigen Test überlassen.

Eines vorweg: die Fat Fanes ist kein Bike für jeden Tag, es ist ein Spezialwerkzeug mit irrsinnigem Spaßfaktor. Was genau die Fat Fanes drauf hat und wo Stärken und Schwächen liegen, klären wir in den nächsten Zeilen.

Medium FAT, maximaler Fahrspaß

Alutech Fanes. Nur FATter!

Alutech Fanes. Nur FATter!

Alutech’s Monstermaschine rollt, und das ist für FAT-Bike.de eher ungewöhnlich, auf „schmalen“ 4.0er Schwalbe Jumbo Jim Reifen aus der Werkhalle. Damit fällt die Fat Fanes in die Klasse der „Medium FATBikes“ und schlägt eine Brücke zwischen Mountainbike und „SuperFAT 4.8“.

Aber auch sonst hat sich Jürgen nur wenig vom FATBike Gedanken beeinflussen lassen: abgesehen davon, dass es keine Befestigungsmöglichkeiten für Gepäckträger gibt, ist die Fat Fanes auch in Sachen Winkel und Federsystem einen waschechtes Enduro Bike.

Schöner Anblick: die Schweißnähte der Fat Fanes passen einfach!

Schöner Anblick: die Schweißnähte der Fat Fanes passen einfach!

Der Prototyp, der sich – anders als die zukünftigen Serienbikes – noch in nacktem Alu-Look vor unseren Objektiven räkelt, wurde von Jürgen mit einem 1×10 Schaltsytem gemischt aus E13 Kurbel und Sram X0 Komponenten ausgerüstet. Die Übersetzung ist dabei extrem kurz ausgefallen, mit einem 32er Kettenblatt lässt sich im Alltag nicht viel anfangen.
Abgesehen von einem Stück in der Kettenstrebe sind alle Züge außen verlegt. Bis auf die Leitung der Dropper Post, die das letzte Stück im Sitzrohr verläuft.

Und apropos Prototyp: wir hatten Alutech ja schon in unserer Rubrik „Made in Germany“ vorgestellt. Dieses Gütesiegel gilt natürlich auch für die Fat Fanes. Uns ist sogar zu Ohren gekommen, dass der Meister plant, ein paar Serienrahmen höchst persönlich zusammenzubraten!

Leichtfüßiges Schwergewicht

Dan beim Wheelie.

Dan beim Wheelie.

Der sehr gut verarbeitete Alurahmen samt der (in der Serie in weiten Teilen frei bestimmbaren) Ausstattung hat aber ein Problem: seine Gravitation zieht den Planeten Erde mit über 16 Kilogramm an sich. Ein verdammt hoher Wert, aber versuchen wir ihn uns diesmal mit der Ausrichtung der Fat Fanes schönzureden: sie ist ein Enduro Bike. Aufgrund der Geometrie würde man auch mit 2 Kilogramm weniger auf den Rippen nicht wesentlich besser den Berg rauf kommen. Enduros sind keine Tourenbikes und nicht dafür gemacht, lange damit bergauf zu fahren. Und bergab erhöht das Gewicht die Hangabtriebskraft. Belassen wir es dabei…

Verschraubte Platten zum Einstellen des Radstandes.

Verschraubte Platten zum Einstellen des Radstandes.

Und dass die Fat Fanes vom Freerider für Freerider gebaut wurde, sieht man am Heck: reinrassige Freeride-Technik! Mittels verschraubter Platten lässt sich beispielsweise die Lage der Hinterachse und damit der Radstand an die Gegebenheiten der Strecke anpassen. Dazu übernimmt der legendäre (aber verdammt komplexe) Cane Creek Double Barrel Dämpfer die Federarbeit. Die Anlenkung des Viergelenk-Hinterbaus hat Jürgen so positioniert, dass sich Federung und Antrieb nicht merklich gegenseitig beeinflussen. So kann man die 140 Millimeter Federweg (vorn: 120 Millimeter) sorgenfrei ausnutzen.
Ebenfalls typisch für viele Enduros: es ist nicht vorgesehen, vorn mehr als ein Kettenblatt zu fahren. Es fehlt schlicht die Möglichkeit, einen Umwerfer zu montieren. Am Serienrahmen wird es im Gegensatz zum Prototypen allerdings die Möglichkeit geben, einen e-Type bzw. SRAM S3 Umwerfer für 2×10 oder 2×11 Systeme zu montieren, was den Einsatzbereich der Fat Fanes nochmal deutlich erweitern wird!
Der ultrakurze Vorbau, ein breiter Lenker, korrekte Vierkolben-Bremsen mit 200/180er Scheiben und die stufenlose Dropper Post machen das Paket komplett.

Houston, wir haben kein Problem!

Highflyer: Dan FAT in der Luft.

Highflyer: Dan FAT in der Luft.

Jetzt ist aber gut mit Theorie. Wir haben die Fat Fanes über eine Woche ausgiebig geritten und das ist doch der wirklich spannende Teil, oder? Also los!

Am Setup haben wir diesmal nicht rumgefummelt. Warum? Naja, wie schon gesagt: auf Grund der Geometrie und des Aufbaus ist die Ausrichtung des Bikes klar. Das „FATBike Setup“ ist hier wenig sinnvoll. Also haben wir das „MTB Setup“ mit eher harten Reifen und weicher Federung belassen, wie es von Jürgen angeliefert wurde.
Bereits auf der Ebene gibt die Fat Fanes das verspielte Spaßgerät. Von der für FATBikes typischen eher zähen Beschleunigung merkt man nur wenig, dafür ist die Übersetzung zu kurz… Wheelies klappen problemlos und man ertappt sich ständig dabei, in knappen Schlenkern um selbsternannte Hindernisse (Kieselsteine, Bierdeckel, etc.) zu schnippen. Hier ein Bunny Hop, da ein Stoppie – sie will doch nur spielen!

Die Fat Fanes fühlt sich in der Luft am wohlsten.

Die Fat Fanes fühlt sich in der Luft am wohlsten.

Im Gelände setzt sich der Spieltrieb fort. Leichtfüßig und wendig auf Trails zeigt die Fat Fanes erst im Downhill, wo der Frosch seine Locken hat. Hat man sich den Berg erstmal raufgekämpft (nicht schön, wirklich…) geht das Teil wie eine Mischung aus Skalpell und Presslufthammer zu Werke: präzise, aber gnadenlos. Den komplizierten Dämpfer dürften allerdings nur die wenigsten Rider wirklich optimal abstimmen können (in der Serie soll übrigens ein Rock Shox Monarch Plus RC3 verbaut werden). Wir hatten Glück und dank Jürgens Setup hat er zielsicher den Kontakt zum Trail gehalten. Die verbaute Vierkolben-Bremse staucht Geschwindigkeit souverän zusammen.

Und dann ist die Fat Fanes ja auch noch ein FATBike! Die 4.0er Jumbo Jim krallen sich in jeden Untergrund, schlucken locker faustdicke Überraschungen weg und setzen jede Krafteinwirkung – harte Bremsmanöver, Antritte oder Lenkbefehle – zuverlässig in Richtungsänderungen um.

Neu entwickelt: die Dämpferanlenkung der Fat Fanes.

Neu entwickelt: die Dämpferanlenkung der Fat Fanes.

Dabei strahlt das Bike diese solide Souveränität aus, wie sie eben nur ein FATBike hat. Wenn die Fat Fanes reden könnte, würde sie nach einer knüppelharten Abfahrt wohl fragen: „War was?“. Sie kann nicht reden, und so bleibt diese Frage am Fahrer hängen. Und wir haben sie uns oft gestellt! Du drehst dich um, siehst den Trail hinter dir und fragst Dich: „DA bin ich lang gefahren? Garnicht gemerkt!“.

Aber jede Medaille hat zwei Seiten. Leider erkauft sich die Fat Fanes diese Performance an einer andere Ecke: als Tourbike taugt sie nicht. Zwar geht der Komfort in Ordnung. Aber das Bike ist sehr kurz. Man sitzt weit hinten. Und die kurze Übersetzung lässt eine zügige Beschleunigung bis etwa 25 km/h zu. Dann ist Schluss.

Was bleibt?

Scharfes Teil!

Scharfes Teil!

Die Fat Fanes ist einzigartig. Ein so kompromissloses Enduro FATBike Fully dürfte es kein zweites Mal geben. Sollte es aber, denn der Spaßfaktor ist enorm. Die Fat Fanes ist eine legale Droge. Bergauf macht sie dich fertig, aber auf Trails und bergab gibt sie dir Glück. Am Ende haben wir überlegt, einfach ein paar Ziegelsteine statt der Fat Fanes in den Karton zu legen und zurück zu Jürgen zu schicken! „Fat Fanes?!? Nie gehört!“.

In ihrem engen Einsatzbereich ist sie Spitze, jedoch muss man sich zweimal überlegen, ob es nicht besser das Zweit- oder Dritt FATBike wird.

4 Responses

  1. Björn

    “ Enduros sind keine Tourenbikes und nicht dafür gemacht, lange damit bergauf zu fahren…“

    das stimmt so aber nicht unbedingt !
    es ist die Frage mit welcher Geschwindigkeit man sich bergauf bewegen will
    Gerade Enduros sind vom Grundgedanken doch eigentlich für Bergauf & Bergab konzipiert, wenn auch der Schwerpunkt mehr auf bergab liegt. Mit meinem (Schmalspur) Enduro fahre ich durchaus auch Touren und wenn der Berg hoch genug ist auch mal lange bergauf. U.U. wird das lediglich per zweitem leichterem LRS an die Gegebenheiten angepasst.
    Klar geht das mit einem 12kg Allmountain oder gar einem 10kg XC Bike noch einfacher, aber das ist i.d.R. aufgrund seiner Ausstattung bergab auch wieder deutlich eingeschränkter.

    Bei der Prototyp Fatfanes liegt es, neben den (aus MTB Sicht) schweren 16kg, an der für bergauf doch recht eingeschränkten Übersetzung mit dem 32er KB. Da braucht es eben dicke Oberschenkel oder ein Shuttle/Lift für lange Anstiege.
    Wenn die Serie 2×10 bzw. 2×11 erlaubt, dann geht bergauf auch mehr und vielleicht kann Jürgen auch hier und da noch etwas am Gewicht feilen. Mit dem Monarch in der Serie dürfte es ja schon etwas leichter werden.
    Aber wie schon bei den normalen MTBs hat man bei vergleichbarer Ausstattung auch bei den Fatfullys ca. 1kg Mehrgewicht. Sprich um die 15kg sollten machbar sein, günstig wird das aber nicht.

    Ich würde die Jumbo Jims ja auch gerne mal ausprobieren. Aber Schwalbe schafft es ja nicht die Reifen in den Handel zu bringen. Meine entsprechende Anfrage an Schwalbe wurde mit der Antwort „kommen im Frühjahr“ beantwortet.

    Antworten
    • Matt

      Hi Björn,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Bezüglich den Enduros hast Du Recht, die sind grundsätzlich dafür gedacht in jedem Gelände einigermaßen souverän unterwegs zu sein. Aber wie Du eben auch richtig sagst liegt der Fokus schon eher in der Abfahrt. Und Touren und lange Anstiege gehen mit einem 10kg XC Racer einfach leichter von der Hand. Nur, dass man damit im Zweifel nicht wieder runter fahren möchte 😉
      Gerade beim getesteten Prototyp der Fat Fanes haben wir diese Ausrichtung auch unverfälscht wiedergefunden: natürlich sind wir nicht mit einem Hubschrauber auf die Berge gekommen sondern sind raufgestrampelt. Ehrliche Arbeit, um sich den Downhill zu verdienen. Wirklich Spaß kam aber eben erst auf dem Weg nach unten auf. Z.B. für ein Enduro Rennen wäre die Fanes aus unserer Sicht top geeignet. Irgendwie rauf auf den Berg und dann bergab allen anderen kräftig den Hintern versohlen. Wenn man das vor hat sollte man sehr, sehr ernsthaft über den Kauf dieses Geschosses nachdenken. Wer aber auf der Heckmair Route über die Alpen will (wer macht denn sowas…) findet sein Glück wohl eher woanders.
      Das Serienbike kann man sich ja von Jürgen dann auch relativ individuell zusammenstellen lassen.

      Bzgl. Schwalbe hilft im Moment nur Daumen drücken… Das „Frühjahr“ ist schon fast rum.

      FATte Grüße

      Matt

  2. Hödl Ronald

    Danke für euren Test.

    Bezüglich der Schaltung eine Anmerkung:
    Hier dürft eine 1×10 Schaltung mit 42er Kassette verbaut sein. Auf dem Bild ist auf der Kette PC1091 zu erkennen. Dies ist eine 10 fach Kette. Darum ist mit dem 32er Kettenblatt sehr schnell die Luft raus.

    Noch eine kurze Frage zu den Jumbo Jims 4,0.
    Wie macht sich der Reifen bei feuchten Bedingungen, im speziellen Feuchte Wurzeln und Felsen?
    Interessant wäre der Vergleich zu einem Enuro Reifen wie z.B Hans Dampf mit Trail Star compound.

    Ich hab selbst ein FAT Fully (Eigenbau Bionicon Ironwood) mit 1×10. Bei feuchten Bedingungen greif ich jedoch lieber zum Enduro wegen der deutlich geringeren Nasshaftung der Surly Knards 3,8er. Der Jumbo Jim wäre eine Interessant Alternative – wenn die Nasshaftung halbwegs passt.
    Macht weiter so, eure Test sind wirklich super.

    LG Ronny

    Antworten
    • Matt

      Hi Ronald,

      wow, sehr scharf beobachtet! Du hast recht, es sind wirklich nur 10 Gänge, wir haben auf den Bildern nochmal nachgezählt. Die vielen Downhills haben uns wohl die Optik verwackelt!
      Der Jumbo Jim ist nicht direkt das „Gripmonster“ unter den FATBike Reifen. Trotzdem steckt er beim Grip praktisch alle MTB Reifen in die Tasche, was bei der Aufstandsfläche nicht wundert. Den Hans Dampf habe ich als TS in der FR Version. Der Direktvergleich hinkt und ist in keiner Weise fair, mit kleine Händen kannst du dir einfach nicht so viele Spielsachen auf einmal aus der Kiste holen. Den Hans Dampf hat wesentlich weniger Fläche zur Verfügung und man muss ihn mit mehr Druck fahren damit er nicht durchschlägt. Dadurch rollt er etwas leichter und fühlt sich im Handling „direkter“ an. Er rollt aber auch ÜBER den Untergrund. Beispiel nasse Wurzel: der Hans Dampf rollt über die Wurzel und hat dabei nur wenig tatsächliche Berührungsfläche zur Wurzel. Irgedwann reißt der Grip an und man rutscht weg. Ein FATBike Reifen legt sich regelrecht um die Wurzel und hat dadurch viel mehr Kontakt – und damit Grip. Rutscht auch irgendwann, dauert aber länger bis dahin!
      Genauso ist es auf Geröll, Schotter, Schnee, Laub, Schlamm, etc. Die riesige Kontaktfläche, die sich dank geringem Druck bei Bedarf noch deutlich vergrößert, bringt praktisch immer Vorteile im Grip.
      Man zahlt dafür halt mit dem weniger präzisen Handling und zumindest auf glatten Untergründen (Asphalt) höherem Rollwiderstand.

      FATte Grüße

      Matt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.