Ein FATBike Spike Test Teil 2? Eigentlich waren wir ja für’s Erste damit durch, über die Nagelbretter aus Weichgummi zu schreiben. Aber wir haben uns, getragen von 480 Stahlnägeln, noch einmal auf den Weg gemacht – diesmal in der Eiswüste des Thüringer Waldes. Dort konnten wir weitere, wichtige Erkenntnisse gewinnen, die wir kurz nachlegen wollen.

Der FATBike Spike Test Teil 2 – was war passiert?

Eigentlich ist hier ein wunderschöner See…

Eigentlich nix Wildes. Dan, ein paar Kumpels und ich haben uns auf ein paar Touren im Thüringer Wald verabredet. Dort liegen ja bekanntlich unsere Hunde begraben. Aber während sich vermutlich 99% unserer blühenden Republik schneefrei präsentieren ist dort tiefster Winter. Da ich immer noch die Vee Tire Spikes auf meinem Norco hatte, sollten es so ganz besondere Touren werden: lustig für mich, unlustig für die anderen. Denn fast überall war er da, der Garant für spektakuläre Abflüge und wilde Flüche: spiegelblankes Eis!

Lektion 1: nimm Rücksicht!

Einfach fahren, fahren, fahren…

Unser Kumpel Piet war mit seinem Scott Big Ed am Start. Spikefrei. Schon während der ersten Abfahrt, die sich mit dem benagelten Norco Ithaqua unbehelligt mit top Speed abspulen lies, wurde ein gewisser Unterschied offensichtlich: Piet konnte nicht so schnell. An Anstiegen ein ähnliches Bild: dass du mit Spikes im Vorteil bist merkst du daran, dass die Flüche hinter dir immer leiser werden…
Dieser Punkt ist nicht neu – aber selbst vergleichen mit normalen FATBike Reifen ist auf Eis alles anders. Wenn du Spikes fährst und deine Kumpels nicht, hab Geduld. Irgendwann werden sie schon kommen!

Lektion 2: hör nicht auf die Anderen!

Sieht nicht so steil aus… Isses aber!

Einer der nettesten Momente war, als ich noch schnell das obige Bild knipsen und dann einen relativ steilen Forstweg runterzimmern wollte. Zwei nette Wanderer kamen auf mich zu und sagten: „Überlegen Sie sich das gut, es ist sau glatt!“. Eine wirklich faire Geste! Nur: den Snow Shoes war das alles wurst. Selbst auf seitlich abschüssigen Strecken haben die Teile so souverän Halt vermittelt wie Omma’s Gebisshaftcreme. Ob geradeaus oder durch Kurven: es ging immer wie am Schnürchen!
Aber: alles hat ein Ende. Darum kommen wir zu:

Lektion 3: Es ist ein Reifen. Kein Zahnrad!

Miese Traktion, aber top Laune: Piet!

Wir reden hier ja von Biken auf Eis. Bevor du da den Grenzbereich des Reifens erreichst, müssen erstmal der Grenzbereich im eigenen Kopf überwunden und all die früheren, oft schmerzhaften Erfahrungen auf Eis ausgeblendet werden.
Bist du da durch kommt die Erkenntnis: anstatt unvermittelt den Kampf aufzugeben und Bike und Fahrer auf’s Eis zu schmettern kündigt sich das Ende der Traktion eines FATBike Spikes früh an. Werden die Lenkkräfte zu groß, beginnen die Vee Tire Spikes gut kontrollierbar zu rutschen. Entweder du lässt sie dann einfach laufen und driftest lässig über’s Eis. Oder du fängst die Fuhre mit ein, zwei gekonnten Bremsmanövern wieder ein.

Gibst du dem Bike aber zu sehr die Sporen, drehst du trotz 240 bissigen Stahlbolzen unfreiwillig Pirouetten – oder fliegst einfach ab. Die schmerzhafte Erkenntnis kehrt zurück: Reifen sind keine Zahnräder! Und ja, das passiert wesentlich früher als auf einem trockenen Waldweg. Und apropos trockener Waldweg!

Lektion 4: nichts ist für die Ewigkeit…

Zahnausfall!

Auch, wenn man am gerade vergangenen Valentinstag gern das Gegenteil behauptet: nicht hält ewig. Schon garnicht FATBike Spikes. Wir haben unsere Snow Shoe Spikes auch ganz rustikal über Asphalt und gefrorenen Waldboden samt Wurzeln und Steinen geprügelt.
Das brachte zwei Ergebnisse. Erstens sind die Spikes auf dem Vee Tire Snow Shoe* relativ lose verteilt, so dass man selbst auf harten Untergründen völlig ungeniert Gas geben kann mächtig Spaß haben kann. Es ist immer genug Gummi zum Zupacken da.

Kariöser Spike links, angefressene Aluhülle rechts

Zweitens leiden die Reifen unter solchen Einsätzen enorm. Anders als bei üblichen MTB Spikes haben die Stollen auch bei großer Kälte die Konsistenz eines Gummibärchens, und daraus können sich die Spikes durchaus befreien.
Auch die bei unseren Testreifen montierten Alu-Karbid Composite Spikes an sich verschleißen bei nicht artgerechter Haltung recht schnell. Im schlimmsten Fall reißt der Carbid-Kern aus. Wer viel auf eisfreiem Asphalt fährt ist mit (allerdings deutlich schwereren) Vollkarbid Spikes wohl besser dran.

Was bleibt – Teil 2!

Nochmal Piet, diesmal sehr elegant am „Driften“. Mit Spikes wäre er einfach um die Kurve gefahren.

Unsere verfeinerten Fahreindrücke im (ungeplanten) FATBike Spike Test Teil 2 unterstreichen das Fazit: wer in einer Gegend wohnt, in denen Schnee und Eis häufig vorkommen, braucht Spikes. Punkt. Unsere Freunde haben sich auf die Fresse gehauen. Wanderer haben gestaunt (und einigen ist die Schadenfreude sichtlich im Hals stecken geblieben). Und wir? Sind einfach weitergefahren.
Das von einigen Lesern bereits beschriebene Problem des Zahnverlusts muss man, genauso wie den Verschleiß der Spikes selbst, auf dem Schirm haben. Spikes sind Verschleißteile. Besser, man hat eine Hand voll als Ersatz liegen. Verschiedene Hersteller, z.B. 45NRTH* oder Schwalbe bieten entsprechende Verschleißsets an.
Oder man fährt sie einfach nur auf Schnee und Eis! FATBike Spikes sind Spezialreifen für einen sehr speziellen Einsatz. Alles andere nehmen sie dir übel.

Und allen, die noch einen Satz alter Reifen liegen haben, handwerklich begabt und leidensfähig sind und keine fertigen Spikes kaufen wollen möchten wir nochmal den genialen Selbstbautipp von Frank unter unserem ersten Artikel empfehlen!!!

(*Partnerlinks sind wie immer mit „*“ gekennzeichnet)

5 Responses

  1. Martin Schmidt

    lustiger Artikel … habe heute gerade meinen Spikereifen (Vee Snowshoe XL) demontiert. Spikes sehen durch das Salz angegriffen aus, aber ich habe offenbar keine verloren.
    Meine Suomi Tyres auf meinem MTB sehen aber viel besser aus 😉 – schade das die Finnen noch keinen Fatbike Reifen haben, wollt ihr sie nicht mal anschreiben und auf diese Idee bringen? Deren Spikereifen sind richtig nice …

    Fahre ja in Berlin und bin nur vorne mit Spikereifen (tubeless) und hinten unverändert mit meinem Sommerreifen – Kenda Juggernaut Pro (tubeless) gefahren. Interessanterweise hatte ich mit diesem „Leichtbaureifen“ hinten immernoch genug Grip, um durch vereiste Passagen zu fahren. Fehlen halt die Anstiege. Einmal musste ich für berliner Verhältnisse hohen, frischen Schnee auf größtenteils ungeräumten Wegen plattfahren. Beeindruckte die Zuschauer, wenn man eine Spur in den Schnee walzt. Das Profil des Snowshoes funktionierte tadelos – hinten der Reifen war dagegen sofort zu. Meine Arbeitsstrecke sind 20km für eine Richtungsfahrt … war zum Glück nur der Rückweg. Danach hatte ich, trotz Trainingszustand, 3 Tage übelsten Muskelkater Oo. Dabei fuhr ich nur (obwohl ich Holz gab) … ca 16 km/h Durchschnitt.

    Seit ihr vorne hinten Spikes gefahren? Wie schlagen sich eigentlich diese teuren 45 North Reifen? Könnte man da nicht vorne n Spike und hinten n Gripreifen Dunderbeist fahren?

    Gruß,
    Martin mit seinem Stevens Mobster
    p.S ist es normal, dass man Tubeless Mäntel „soooo schwer“ von der Felge runterbekommt? Ich kann keinen Reifenheber einsetzen … da ich sonst das Silikonband beschädige (ja, ich benutze es mehrmals 😉 )

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  2. Frank

    Genau wie Piet in „Lektion 3″ ging es mir auch zu Beginn meiner Fatbike Wintertouren, deshalb hab ich mich dann gleich um Spikereifen gekümmert. Aber wie heisst es in einem Lied von Stephan Remmler nochmals?….Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei…! So eben auch beim “ Grip“ mit Spikereifen. Beim einen Reifen früher, beim anderen später. Aber trotzdem fährt man um einiges sicherer und überrascht die Wanderer, die sich im Pinguin-Gang vereiste Wege hinunter quälen… Spikes= 100% empfehlenswert 🙂 No Grip, No Fun!
    Gruß Frank

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  3. Uwe

    Moin Matt !
    Selbstverständlich nehme ich die Wolfram-Karbid Spikes in Aluhülse.
    Und die von Schwalbe halten und greifen besser .
    Und um mit dem Gerücht vom Verschleiß aufzuräumen : Für Wolfram-Karbid ist trockene Fahrbahn kein Problem. Da leiden nur die billigen Stahlspikes.
    Zu beachten ist allerdings das die Spikes auf den kleinen schwarzen Katzenköpfen und auf Hartbranntklinkern gerne bis zur nächsten Fuge durchrutschen .
    .
    Gruß Uwe

    Antworten
  4. Uwe

    Die Vee Tire Reifen haben extrem hohen Rollwiederstand. Die Wolfram-Karbid Spitzen fallen aus den Alu Hülsen wie nichts gutes . Witzigerweise größtenteil auf Vorderrad (40 vorne , 8 hinten) . Die Ersatzspikes von Schwalbe halten und bringen erheblich mehr Traction. 220 Spikes sind auch zu wenig , ich erinnere an 360 Spikes beim Ice Spiker Pro. ….
    Fazit : Auf Eis besser als ohne Spikes , aber erheblicher Verbesserungsbedarf .

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    • Matt

      Hi Uwe,

      danke für Deinen Kommentar und den Erfahrungsbericht. Den hohen Rollwiderstand beim Snow Shoe XL haben wir auch schon ein paar Mal bemängelt, der hat schon den ersten Test des Rocky Mountain Fatty verhagelt. Allerdings ist er in seinem vorgesehenen Einsatz – auf Schnee – okay. Die ebenfalls Spike-tauglichen Vee Tire Snow Avalanche oder 45NRTH Dunderbeist/-flow rollen dennoch wesentlich leichter.
      Die Anzahl der Spikes finden wir tatsächlich optimal, denn die Traktion reicht in fast allen Lebenslagen aus, dafür hält sich aber das Gewicht in Grenzen. Dennoch könnte Vee mehr Löcher anbringen, so dass man als Kunde bei Bedarf mehr Spikes anbringen kann. Wir geben das mal weiter!
      Sind die Schwalbe Spikes, die Du verwendest, auch Alu-Karbid oder Vollstahl?

      FATte Grüße

      Matt

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