Auf der Heckmair Route über die Alpen: das Michl Heckmair Interview

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Die Heckmair Route – der Weg ist das Ziel!

Die Heckmair Route ist die Mutter aller Transalp Routen. Sie gilt als hart, abwechslungsreich und schonungslos ehrlich. Mit anderen Worten: Transalp pur!

Oldschool Biker 1991

Aus genau diesem Grund haben wir die Heckmair Route als Weg für unsere  FATBike Transalp gewählt. Im Rahmen unserer Vorbereitung hatte ich das Vergnügen, mich mit Michael „Michl“ Heckmair über die Berge, Mountainbiking und die wahre Bedeutung des Satzes „Der Weg ist das Ziel!“ unterhalten zu können.

Wie alles beginnt

Michl, im Juli 1990 sind Dein Vater Andi, Centurion Gründer Wolfgang Renner und Bahnradprofi Gerhardt Strittmatter zur offiziell ersten kompletten Überquerung der Alpen mit dem damals noch neuen Mountainbike aufgebrochen. Wie kam es dazu?

Mein Vater lag dank eines Oberschenkelhalsbruchs für einige Zeit im Krankenhaus, wo ihm ein Buch mit dem Titel „Traumpfade, Saumpfade“ in die Hände gefallen ist. In diesem Buch wurden die schönsten Militär- und Transportpfade über die Alpen beschrieben. Sofort kam ihm die Idee „Warum nicht mit dem Fahrrad?“. Viele der einzelnen Etappen waren wir damals schon gefahren, aber eben noch nie am Stück.
Nach genauer Planung der Route ging es dann im Juli 1990 los!

Die gewählte Route wurde später als „Heckmair Route“ berühmt und ist inzwischen legendär. Nach welchen Gesichtspunkten wurde genau diese Route festgelegt und was war damals die größte Herausforderung?

Die Route sollte vor Allem eines sein: kompromisslos ehrlich. Wir haben die Wege ja nicht gemacht, die waren schon da. Und die Transalpin Route mit dem Fahrrad sollte eben genau diesen Wegen folgen, auf einer natürlichen, „logischen“ Strecke: wenn du über den Berg willst, musst du DA lang!
Die größte Herausforderung damals war ganz klar die Komplexität der Tour. Als Bergsteiger kannte mein Vater die Alpen bereits in- und auswendig. Aber 5-6 Tage allein durch Berge zu fahren, ohne Support, auf dem damals noch neuen Mountainbike – das war neu. Es gab ja noch keine Erfahrungen mit so langen zusammenhängenden Mountainbike Touren quer durch die Alpen! Im Gegenzug bot die Tour aber gerade deswegen praktisch grenzenlose Freiheit!

18 Gänge und eine Rock Shox RS1

Mit welchem Material, also Bikes und Ausrüstung waren Andi und seine Freunde unterwegs?

Die Bikes waren Centurion Stratos Bikes. Die Rahmen waren furchtbar bunt in lila mit grüner Schrift.  Außer der RS1 Federgabel von Rock Shox am Bike meines Vaters waren die Reifen das einzige Federungssystem. Und die Rock Shox hat auch nicht wirklich funktioniert.  Dazu gab es 18 Gänge, vorn drei und hinten sechs. Die erste Transalp sind die Jungs noch mit Pedalkörbchen gefahren, Clickies und auch Barends hatte ich erst im nächsten Jahr an meinem Bike – als erster damals!
Dazu hatten alle einen Deuter-Rucksack, den mein Vater gerade mit entwickelt hatte. Da hingen die meiste Zeit auch die Helme dran, da man damals noch der Meinung war, einen Helm braucht man nur bergab.

Das klingt nach echtem Abenteuer und Pioniergeist! Was passierte nach der Tour, wie ging es weiter?

Ach, erst mal war es still. Wir sind die Tour gleich im nächsten Jahr wieder gefahren. Irgendwann kam dann der Uwe Geisler, damals schon Redakteur bei der Bike, zu uns und hat gefragt ob er nicht mal was schreiben dürfte über die Tour. Danach hat das Telefon praktisch nicht mehr still gestanden.  Und haben wir gemerkt: hey, da gibt es ein sehr großes Interesse und Informationsbedarf!
Wir haben dann so kleine Heftchen voll Informationen gedruckt und für 5 Mark Versandkosten rausgeschickt. Hätten wir damals schon geahnt, dass sich daraus mal ein eigener Tourismuszweig entwickelt… Allein mit den Namensrechten an „Transalpin“ hätte wir inzwischen ausgesorgt (lacht)!

„…baut Euch bloß keine Packtaschen ans Bike…“

Das kann ich mir sehr gut vorstellen! An den Bericht in der Bike kann ich mich sogar noch erinnern. Und heute, 2014 und damit gut ein Vierteljahrhundert später, ist es für mich soweit! Mit einem FATBike! Aber sag mal: FATBike und Transalp – passt das für Dich zusammen?

Aber selbstverständlich! Ihr seid praktisch mit dem puristischsten aller Federungssysteme unterwegs: dicken Reifen! Die gab es damals aus schon, „Ballonreifen“ hat man das genannt. Und Ihr werdet wohl gerade am Passo di Campo einiges mehr fahren können mit den großen Reifen. Aber baut Euch bloß keine Packtaschen ans Bike, das ist beim Tragen extrem hinderlich!

Guter Punkt! Was muss ein FATBiker – im Gegensatz zu einem Fahrer auf einem leichten XC Bike – aus Deiner Sicht besonders berücksichtigen?

Achtet aufs Gewicht, das ist alles. Ansonsten werden Ihr mit den FATBike Reifen wie gesagt an manchen Stellen sicher Vorteile haben. Aber denkt daran, dass Ihr viel tragen müsst, da ist jedes Gramm hinderlich! Auf der Heckmair Route geht es aber vor allem darum, durch zu kommen, da ist der Mensch wichtiger als die Maschine. Gerade am Passo di Campo ist das Ziel, ihn zu überwinden. Das „wie“ ist gar nicht so wichtig, ob man nun fährt oder trägt ist egal. Weißt du, schieben ist im Hochgebirge keine Schande, da ist nur der Weg das Ziel!

Der Weg ist das Ziel!

A apropos Tragepassagen: Du hast mir mal gesagt, dass die Tragepassage ein fairer Preis sind für das, was man auf dieser Tour sieht und erlebt. Was sind Deine persönlichen Höhepunkte auf dieser Tour?

Ganz klar der Scaletta Pass! Da hast du eine grandiose Landschaft, mit den ganzen Granitplatten! Und du bist praktisch allein, da ist kein Mensch. Da bist du einfach angekommen im Traumland Mountainbike!
Dann natürlich die Abfahrt am Tremalzo, wenn du zum ersten Mal den See siehst! Dann sitzt du nach 5-6 Tagen Kampf in Riva in einem Café und kannst den See riechen, das ist herrlich. Aber irgendwann kommst du dann in so einen „Zivilisationszweifel“ und du fragst dich, ob es allein in den Bergen nicht schöner war – das ist ein sehr emotionaler Moment. Da habe ich schon gestandene Biker weinen sehen!
Naja, und mein Liebling ist der Passo di Campo. Da kannst du nicht viel fahren und schiebst oder trägst dein Bike die meiste Zeit. Und die letzten 150 Höhenmeter werden dann erst so RICHTIG steil! Aber da darfst du dir nix draus machen. Sag Dir immer wieder „Ich pack dich, Du Berg!“. Ich bin jedes Mal wieder stolz, wenn ich den Passo bezwungen habe! Das ist eben der Weg über die Berge, die logische Strecke nach Süden. Klar kann man außen rum fahren, aber nur der Passo di Campo ist eben der direkte Weg und wenn du drüber bist hast du wirklich was geschafft!

Hm, da ist was Wahres dran. Und gerade das unverfälschte, hautnahe Erleben der herrlichen alpinen Natur zusammen mit der Herausforderung ist für viele Biker einer der Hauptgründe, zu einer Transalp aufzubrechen. Denkst Du, das Thema Transalp hat sich seit 1990 verändert? Wenn ja, was ist heute anders?

Ja, das hat sich sogar dramatisch verändert. Weißt du, früher hatten wir es mit Greenhorns zu tun. Die kamen mit viel zu viel Gepäck, Satteltaschen und allem Möglichen zu uns. Wir haben am Anfang auch viel Kritik für die Heckmair Route bekommen, sie sei zu schwer und man müsse zu viel tragen. Aber wir haben das schon damals anders gesehen: nicht wir haben die Wege gemacht, die wurden ja alle zu einem bestimmten Zweck angelegt. Sei es vom Militär oder den Bewohnern. Wir dürfen die Wege nur benutzen und dafür müssen wir dankbar sein. Wir sind dort nur Gäste! Da können wir nichts verändern nur damit man es leichter fahren kann!
Und die Heckmair Route abzufahren bedeutet, eben den logischsten Weg über die Alpen zu nehmen! Hier ist der Weg das Ziel, du fährst die Tour nicht um durchzufahren sondern wegen jedes Meters den du dir erkämpfst! Deshalb haben wir die Route bis heute kein bisschen verändert!
Naja, um 2000 rum hatten wir dann ein gutes Fahrerfeld, mit gutem Material und Kondition. Heute sieht das schon wieder anders aus, viele Fahrer suchen perfekte Single Trails und Abfahrten, sind aber nicht mehr bereit dafür den Berg auch hoch zu fahren und sich die Abfahrt zu erkämpfen. Deshalb wird der typischen Heckmair-Fahrer immer älter, das sind meistens die alten Haudegen, die schon ewig biken.

Stört Dich das?

Ja, schon irgendwie. Die Heckmair Route basiert ja auf dem Bergsteigergedanken, dass der Berg so ist wie er ist. Und wenn du rauf willst, musst Du ihn Dir erkämpfen. Und wenn Du es nicht schaffst, dann war der Berg eben stärker. Das ist okay und zeigt dir, wo Deine Grenzen sind – die Du dann auch immer weiter nach oben verschieben kannst.
Viele Biker der heutigen jungen Generation wollen nur noch Trails und Abfahrten haben und ihnen ist jedes Mittel und jede Hilfe recht, um den Berg in die Knie zu zwingen. Da werden Busse und Autos eingesetzt und es wird schon gejammert, wenn es zwischendurch mal ein paar Meter bergauf geht.
Ich selbst bin da eher der Purist, der Hindernissen nicht aus dem Weg geht. Der Berg ist da, und wenn ich seine Schönheit genießen will, muss ich ihn bezwingen. Verstehst Du – der Weg ist das Ziel!

Über die Alpen – mit der richtigen Route und dem richtigen Team!

Ja, so langsam verstehe ich, was wichtig ist. Deine Message ist klar und sicher für alle Transalp Fahrer ein wertvoller Beitrag zu einer erfolgreichen Tour! Aber sag mal, wie sieht dann eigentlich für DICH eine perfekte Transalp aus?

Sie muss logisch sein, lang, schwer und vor allem abwechslungsreich. Aber wichtiger ist, mit WEM du fährst. Versteh mich nicht falsch, aber so eine Transalp ist eine sehr intime Sache. Man ist mehrere Tage auf sich allein gestellt, lebt auf engstem Raum zusammen und lacht und leidet gemeinsam. Da ist es wichtig, dass du mit den richtigen Leuten fährst. Eine der schönsten Transalp bin ich z.B. mit meiner Familie gefahren, also mit meiner Frau und meinen beiden Töchtern.
Und natürlich ist die Heckmair Route für mich immer noch eine der schönsten, wenn nicht DIE schönste Transalp Routen!

Dann haben wir bei der Auswahl der Tour ja alles richtig gemacht! Sehr schön! Noch eine letzte Frage: wenn ich Dich bitte, uns für die FATBike Transalp drei „Goldene Ratschläge“ mit zu geben – welche sind das?

Fahrt mit so wenig Gepäck wie möglich, fahrt früh los – spätestens halb 8 – und macht Eure Köpfe frei vom Leistungsdruck! Ich kann es nicht oft genug sagen: der Weg ist das Ziel!

Danke, das werden wir auf jeden Fall berücksichtigen! Vielen Dank für das sehr angenehme Gespräch und die vielen wertvollen Informationen! Wir freuen uns schon wahnsinnig auf die Tour und kommen vorm Start auf jeden Fall zu Dir in den Shop!

Michael Heckmair betreibt gemeinsam mit seinem Vater Andreas „Andi“ Heckmair einen Bikeshop in Oberstdorf. Aus einer Familie von Bergsteigern stammend ist Michl mit Leib und Seele mit den Alpen verwachsen. Andi und Michl haben die berühmte Heckmair Route definiert und damit einen Meilenstein in der Geschichte des Bikesports gesetzt.

 

2 Responses

  1. Nutter

    Hi, hätte heut auch ein Fatbike gebrauchen können, bin mit meinem Buddy in einer Oldschoolrunde vom Schneesturm überrascht worden. Plötzlich überall Schnee, und wir mittendrin! Haben uns durch den Schnee gekämpft aber mit Fatbike wäre es bestimmt „FATter“ gewesen!

    MfG NB

    Antworten
    • GrossMatt

      Schneesturm und FATBike – hört sich gut an! Ich hoffe Ihr seid auch ohne Fatty sicher nach Hause gekommen 😉

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