Lauf Carbonara. Nimms leicht!

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Mit der Lauf Carbonara schlagen wir heute eine weitere Seite im – leider sehr dünnen – Buch der FATten Federgabeln auf. Dabei ist die Carbonara an Exotik nicht zu übertreffen – nur eine Federgabel aus echten Spaghetti wäre wohl noch kreativer als das Alien aus Island. Dabei soll die eigenwillige Kreation aus dem Land der Geysire gleich mit einem ganzen Haufen Probleme aktueller FATForks aufräumen: Gewicht, Steifigkeit, Wartungsaufwand und Ansprechverhalten sollen der Konkurrenz ordentlich einheizen.

Als Testobjekt haben wir das mit Abstand schnellste Pferd im Stall, unseren Specialized S-Work FatBoy, bestimmt. Der FatBoy kommt ab Werk mit einer „Chisel“ (was zu Deutsch in etwa „Meißel“ bedeutet) genannten Starrgabel aus Carbon. Den Namen hätte Specialized für dieses knochenharte Ding nicht besser wählen können – die Lauf Carbonara schien uns also eine sinnvolle Erweiterung.
Auch, wenn es uns zugegebenermaßen ein wenig Überwindung gekostet hat, die optisch sehr eigenständige Lauf Carbonara in das perfekt durchdesignte S-Works FatBoy zu pressen…

Lauf Carbonara – ein paar technische Daten

Jack in the box

Jack in the box

Das Zweite, was einem einfällt, wenn man eine Carbonara aus dem hübsch gemachten Karton zerrt und das Design (das ist das Erste, was einem auffällt) einigermaßen verdaut hat, ist: LEICHT! Gut, ist auch nichts dran an dem Ding, aber runde 1.100 Gramm für eine funktionierende Federgabel? Das ist weniger als zwei Flaschen Bier! Wir sind beeindruckt.
Deutlich ernüchternder kommt der Federweg daher, der mit seinen 60mm schon auf dem Papier nicht so recht überzeugen will. Der Rest der Lauf Carbonara trifft die gängigen Standards: ein modernes Tapered  Head Tube aus Carbon, 150mm Einbaubreite samt Steckachse für die Nabe und eine PM7 (min. 180mm Bremsscheibe) Bremsaufnahme passen in quasi alle modernen FATBikes. Reifen nimmt die Gabel bis 4.8″ auf. Die Farbwahl aus matten Naturcarbon und glänzendem Weiß dürfte ebenfalls fast alle Bikes irgendwie abdecken.

Alles eine Frage der Einstellung…

Kugelsicher. Aber nicht einstellbar.

Kugelsicher. Aber nicht einstellbar.

Bei einem brauchen wir nicht lange um den heißen Brei zu reden: die Lauf Carbonara ist Technik für Puristen. Wer gern mit Einstellungen experimentiert oder es liebt, mit verölten Händen an Bikes zu schrauben, wird hier keinen Spaß haben. Der Hersteller bietet lediglich zwei unterschiedliche Grundeinstellungen („light“ – unter 85kg und „medium“ – über 80kg Fahrergewicht) an.
Das ist Fluch und Segen. Die Lauf Carbonara kommt tatsächlich als einzige Federgabel am Markt völlig ohne jegliche Wartung aus. Andererseits gibt es auch nicht die geringste Möglichkeit, irgendetwas anzupassen. Federweg, Kennlinien, Fahrergewicht etc. – man muss nehmen, was im Karton liegt. Und so setzen sich zwar die Glasfaser Federelemente, welche dem Bau kugelsicherer Fahrzeuge entstammen, erfolgreich dem Beschuss mit Pistolenkugeln zur Wehr. Leider sind sind sie aber genauso erfolgreich bei der Abwehr jeglicher Einstell- und Abstimmversuche. Da geht nix!
Nichts einstellen zu können ist – Achtung, Wortwitz – eine Frage der Einstellung… Love it or hate it. Die komplette Wartungsfreiheit und Resistenz gegen praktisch alle äußeren Einflüsse haben gerade am FATBike aber zweifellos ihren Reiz!

Fahren, wie auf Wolken…

Fahren auf Wolken unter wolkenlosem Himmel!

Fahren auf Wolken unter wolkenlosem Himmel!

Aber was interessiert das alles… Funktionieren muss das Teil! Und wir haben nichts ausgelassen, um Fähigkeiten und Grenzen der Lauf Carbonara auszuloten. Um die Abstimmung mussten wir uns ja keine Gedanken machen, also haben wir nur ein wenig mit dem Reifendruck gespielt.
Das große Los zieht der Carbonara-Genießer ganz klar beim Ansprechverhalten. Da es kein Losbrechmoment im klassischen Sinne gibt, ist alles weich wie Ommas Sofakissen. Bereits minimale Kräfte lenken das Rad nach oben aus. Das funktioniert so perfekt, dass man eigentlich gar nicht merkt, dass die Lauf Carbonara überhaupt da ist: sie ist genauso sensibel wie der FATte Reifen selbst, was uns etwas später zum entscheidenden Punkt bringen wird. Hier ist die Lauf Carbonara allein am Gipfel der Funktion, keine andere uns bekannte Federgabel kann da mithalten.

PM Bremsaufnahme.

PM Bremsaufnahme.

Interessanterweise spielt auch ein scheinbar offensichtlicher Nachteil in der Praxis keine Rolle: die mangelnde Dämpfung. Als klassische Elastomergabel kann die Lauf Carbonara statt auf eine Öldämpfung lediglich auf die innere Reibung der Bauteile als Dämpfung zurückgreifen. Unter „Dämpfung“ versteht man dabei aber eben NICHT, wie gut eine Gabel „Stöße Dämpft“ – das ist die Federung. Dämpfung ist die Fähigkeit der Gabel, sehr schnelle Bewegung zu bremsen und so ein Aufschaukeln zu verhindern. Und das kann die Lauf Carbonara mit ihren schussfesten Elastomer-Platten erstaunlich gut! Eine echte Öldämpfung ersetzt das zwar nicht, aber man reitet auch nicht auf einem Flummi durch den Wald.
Im Gegenteil, selbst mit hart aufgepumpten Reifen verschafft die Lauf Carbonara himmlischen Komfort und genug Reserven, um auch mal kleinere Hindernisse wir Steine oder dicke Wurzeln zu übersehen.

…auf sehr dünnen Wolken!

Geht noch. Gerade so...

Geht noch. Gerade so…

Allerdings bringt der knappe Federweg und die geringe Dämpfung eine unangenehme technische Notwendigkeit mit sich: um zu verhindern, dass die Lauf Carbonara bei der jeder Wurzel durchschlägt ist sie extrem progressiv ausgelegt. Sprich, die Federung verhärtet sich bereits nach wenigen Zentimetern sehr stark. Das schränkt den alltäglich auch wirklich nutzbaren Federweg enorm ein. Zwar eignet sich die Lauf Carbonara grundsätzlich gut, um damit auch mal über eine Wurzelpassage zu krachen. Da sie aber gefühlt nur zwei, drei Zentimeter Federweg auch wirklich nutzt ist das Ganze am Ende doch ziemlich spassfrei.

Und noch eine unerwartete Schwäche bringt die Lauf Carbonara mit: völlig überraschend ist die Verdrehsteifigkeit bestenfalls mäßig und liegt in etwa gleichauf mit Bluto und FatLab. Auch wenn die komplexe Konstruktion optisch fast an ein Raumschiff erinnert, kommt die Lauf Carbonara hier nur mit irdischen Werten davon. Vorbildlich ist dagegen die Biegesteifigkeit: selbst bei Vollbremsungen bleibt die Gabel perfekt in Form.

Wer braucht so ein Gerät?

Im Lieferumfang: ein Ahead-Expander, 3 Kabelbinder und ein schwarzer Beutel.

Im Lieferumfang: ein Ahead-Expander, 4 Kabelbinder und ein schwarzer Beutel.

Diese Frage stellen wir uns bei so ziemlich allem, was wir testen – selten war die Antwort schwerer. Spitz gesagt verbindet die Lauf Carbonara minimalen Federweg mit einer  – verglichen an Starrgabeln – deutlich verschlechterten Steifigkeit. Am 29er mit seinen Spielzeugreifen mag das Konzept aufgehen. Aber eigentlich kann sie nichts, was ein guter FATBike Reifen nicht sowieso macht. Klingt soweit also erstmal sinnfrei.
Aber das ist nur die halbe Wahrheit und man muss es positiv sehen: sie ist wartungsfrei, leicht, robust und – wie oben schon gesagt – hypersensibel. Auf dieser Basis ist uns dann ein Einsatzbereich eingefallen, in dem wir diese FATBike Federgabel anderen Gabeln vorziehen würden: an leichten Marathon- bzw. Race FATBikes. Hier kann man dank der Lauf Carbonara den Reifendruck deutlich erhöhen um den Rollwiderstand zu senken. Da die Gabel mit einer ähnlichen Charakteristik wie ein FATBike Reifen arbeitet, hat man weiterhin das volle FATBike Erlebnis, ist aber deutlich schneller. Und so war unser S-Works FatBoy auch mit Federgabel nach wie vor pfeilschnell unterwegs.
Spielen Rollwiderstand und Gewicht aber keine Rolle, bieten andere Gabeln derzeit einfach mehr Leistung fürs Geld. Und apropos…

Was bleibt?

Just ride. Damit ist alles gesagt!

Just ride. Damit ist alles gesagt!

…da wäre noch eine Sache: der Preis. Der empfohlene Verkaufspreis liegt bei über 1.100,- Euro. Selbst „auf der Strasse“ sind in der Regel mindestens 1.000- Euro fällig. Dafür bekommt man ohne Zweifel ein High-Tech Produkt. Ob einem das Verhältnis aus Preis und gebotener Leistung tatsächlich liegt, muss wohl jeder für sich entscheiden. Gerade die mangelnde Abstimmbarkeit ist aus unserer Sicht aber nur schwer mit dem Preis vereinbar – egal, ob man sein Gewicht oder seinen Fahrstil verändert, die Lauf Carbonara kann in keinem Fall mitwachsen.
Von den anfangs erwähnten Punkten „Gewicht, Steifigkeit, Wartungsaufwand und Ansprechverhalten“ gehen drei ganz klar an die Lauf Carbonara. Dennoch kann sie es mit der Leistungsfähigkeit klassischer Öl-/Luft Teleskopgabeln nicht so recht aufnehmen.
Und so bleibt für uns die Lauf Carbonara eine Nische in der Nische in der Nische. Individualisten, Technik-Geeks, Marathon- und Racebiker und Wartungsmuffel werden, die nötige Liquidität vorausgesetzt, an der Lauf Carbonara ihre helle Freude haben.
Das sehr eigenwillige Design wirkte auf uns fast ein wenig verstörend – eine kleine Umfrage auf unserer Facebook Seite hat jedoch ergeben, dass es nicht wenige FATBiker gibt, die die Lauf Carbonara gerade wegen ihres Designs unbedingt haben wollen.
Wir ganz persönlich waren jedoch froh, am Ende wieder auf den „Meißel“ umbauen zu können. Dem S-Works FatBoy steht sie einfach nicht.

10 Responses

  1. WWW

    Die Carbonara wird von mir in Kombination mit dem 4,8 BUD und einer 100mm Felge ausschließlich für Fahrten in Schnee, Eis und Matsch eingesetzt werden (meine kam erst Ende März, für Schnee war es da leider schon zu spät), zum anderen für Touren z.B. im Hochgebirge, wenn es auf jedes Gramm ankommt. Zum ´ballern´ist das nichts, schon wegen des Materials. Da nehme ich dann doch lieber die Bluto samt Suspension Kit.

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  2. Jörg

    Ich fahre die Lauf seid August 2015 ca. 3000km und bin voll zufrieden. Das Cockpit ist im Vergleich zur Stargabel endlich ruhig, der Handgelenke zu liebe. Die Gabel dämpft deutlich den Vorderreifen. Ein schneller Trail war vorher echt schwierig, mit der Lauf halte ich spielerisch und absulut sicher die Spur ohne unkontrolliert wegzuspringen. Und sie funktioniert immer gleich, auch bei minus 10 Grad und weniger! Ich bin heute seid langem das erste mal wieder eine 32 Fox Gabel mit 120 mm an einem 29 Zoll Rad gefahren, ich war schockiert über die schlechte Bremssteifigkeit dieser. Nie wieder.
    Allen denen ein Fatbike mit 15 kg zu viel ist, sollte sich die Lauf Gabel mal angucken.
    Ohne Federgabel geht ein Fatbike eh nicht schnell und gleichzeitig sicher auf dem Trail zu halten.
    Und mal ganz ehrlich, Optik spielt beim Fatbike keine große Rolle, auf die Funktion kommt es an. Oder wem beeindruckt auf dem Acker ein Traktor im Ferrari Design?

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  3. Hans

    Der Test beginnt mit der Designbeurteilung und endet mit der Designbeurteilung. Ist der Geschmack nicht eine doch eher individuelle Sache und sollte in solch einem Test wenn überhaupt dann doch eine eher untergeordnete Rolle spielen? Das Ganze liest sich dann doch eher so als hätte das Design die Meinung des Testers beeinflusst und das sollte auf keinen Fall so sein.

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    • Matt

      Servus Hans,

      vielen Dank für Deinen Kommentar und die konstruktive Kritik. Du hast natürlich Recht – der Geschmack ist eine individuelle Sache. Aber wir beschreiben Bikes und Teile nach allen Punkten, die uns auffallen. Das Design ist bei der Carbonara ein wichtiger Bestandteil des Pakets – und uns gefällt sie eben nicht. Dürfen wir soetwas schreiben? Ja natürlich, als unabhängiges Portal gehören unsere Meinung und unser Geschmack bei FAT-Bike.de dazu.
      Der Eindruck trügt aber, denn alle objektiven Daten und Fähigkeiten der Gabel haben wir versucht so fair und neutral wie möglich mit Blick auf das Einsatzgebiet „FATBike“ zu bewerten. Das technische Urteil ist vom Design völlig unabhängig. Da stehen wir zu!

      FATte Grüße

      Matt

  4. Dirk

    Sehr schöner Test!
    Ich fand ihn besser wie den vorhergehenden der Fatlab! Kritisch und Objektiv.
    Klingt nach der ultimativen Gabel fürs Fatty. Wartungsfrei und „Unterwassertauglich“. Wäre da nicht der Preis. Extrem viel Federweg wird beim Fatty eh nicht gebraucht. Wenn ich mir überlege dass ich mein FELT mit Starrgabel durch den Bikepark jage wäre eine Federung schon was tolles. Aber solange es nichts wirklich überzeugendes gibt (34-36mm Tauchrohre + Bocksteif + Ansprechverhalten) bleibt das auch so. Ich hoffe da kommt von den Herstellern noch etwas Ansprechendes.

    Habt ihr schon eine RST Renegade zum testen am Horizont?

    Gruß Dirk

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  5. Michael

    Der Einsatzzweck der LAUF war ja nun sicher nicht jener, um damit die technisch anspruchvollsten Trails der Welt zu rocken.
    Lauf wollte eine leichte Federung für Racer entwickeln und das ist Ihnen gelungen.
    Wenn man bedenkt, dass viele Racer im MTB Bereich ihre 100er so derart mit Luft vollpumpen dass die Gabel nur noch die Notfälle abfedert, dann liegt LAUF doch recht gut im Bedarf mit ihrer Blattfeder.
    Und es sind – meiner Meinung nach – die wenigsten die das ganz toll finden wenn sie ständig an ihrem Federelementen rumdoktern können.
    Das Syte ist am Anfang…da geht nich was. Ideal wäre natürlich wenn die Gabel die Sensibilität den Reifen überlassen würde, was sie eh schon können und nach oben raus die Schläge schlucken.

    Was bleibt?
    Wers mag der kaufts und wird glücklich. Und schau mer mal, was die Fasern und Harze noch in Petto haben…
    : )

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  6. walter

    Servus… Ich hab auf diesen Test schon sehnsuechtig gewartet weil man diese Gabel ja normal nie zu Gesicht bekommt, geschweige testen kann… Und nun weiss ich dass sie auf keinen Fall Fuer mich in Frage kommt. Ich find sie zwar cool und sie waere sauleicht aber fuer unsere abfahrten ist sie wohl nicht geeignet…
    …Danke… Servus walter

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    • Matt

      Hi Walter,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Für schnelle Abfahrten taugt sie aufgrund des geringen Federwegs wirklich nur sehr eingeschränkt. Besser als nichts ist sie allemal, aber wenn schnell und ruppig wird würden wir auch eher zu 100mm oder mehr greifen.

      FATte Grüße

      Matt

  7. Tobias Hibben

    Ich moechte mich einmal rechtherzlich fuer diesen Test bedanken. Denn Ihr macht Tests fuer die Praxis ohne den ganzen Labor Schnickschnack. Auch seit Ihr ja von Anfang an mit dem Thema Fatbike, mit Herz und Seele dabei. Ich verfolge Euch schon seit der ersten Minute.

    Aber nun zum Thema. Ich glaube das ein erfahrener Fat- und Mountainbiker sicher den Einsatzzweck schon aus den Spezifikationen erlesen kann. Weiter hat mich der Kauf in die Carbonara noch bestaerkt, das sie erstens in mein Fahrprofil passt und zweitens super geil aussieht. Ich mag es sich etwas von der Masse abzuheben. Drittens hab ich sowas wie einen kleinen Carbon Fetisch 😉 .

    Also vielen Dank fuer Euren Test und macht weiter so.

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    • Matt

      Hi Tobias,

      danke für Deinen Kommentar und das Lob. Schön zu hören, dass Dir die Carbonara gute Dienste leistet. Im Design ist sie, wenn es einem denn gefällt, einfach unschlagbar. Und für Carbonfetischisten ist sie perfekt – mehr Kohle geht nicht!
      Viel Spaß damit und FATte Grüße

      Matt

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