Als wir vor einiger Zeit den ersten Maxx Jagamoasta ELS zum Test bekamen, sind vor allem zwei Dinge hängen geblieben. Erstens: das Bike ist ein klasse Arbeitsgerät, wenn du viel Kraft in einer zuverlässigen Verpackung brauchst um damit dich und dein Material zu transportieren. Zweitens: Ständer, Gepäckträger, Lichtsystem und Starrgabel sind dabei zwar hilfreich, aber… Irgendwie auch so schrecklich oldschool. Was wäre, wenn das Bike sportlich aufgebaut wäre? Wie viel Potential lauert im Jagamoasta ELS, immerhin eines der wenigen noch verbliebenen e-FAT-Hardtails? Also haben wir Maxx gebeten, uns doch mal eine sportlichere Variante des Jagamoasta ELS zu überlassen. Sozusagen Spoiler statt Ständer. Und genau um die soll es heute gehen.

The Evil Twin – in matt Grau

Sportlich: mattes Grau mit schicken 3D Schriftzügen

AMG, Audi RS, BMW M – Grau, insbesondere in dezent matter Oberfläche, ist zur Zeit der letzte Schrei wenn es um aggressive Alltags-Sportwagen geht. Und weil unser Jagamoasta ja quasi auch ein Alltagssportler sein soll, trägt er das passende Kleid, zusätzlich verziert mit schicken 3D Logos. Der diesmal zum Test angetretene Maxx Jagamoasta ELS ist sozusagen der böse Zwilling des letzten Bikes. Manitou Mastodon, Dropper Post, fette Bremse und die Abwesenheit von Schnickschnack wie Ständer, Gepäckträger oder einer Bedieneinheit für den Antrieb sprechen eine klare Sprache. Keine Bedieneinheit? Richtig! Außer ein paar Tastern ist nichts am Lenker, was den Piloten von seiner Vollgas-Mission ablenken könnte.

Clean: nichts stört die aufgeräumte Optik des Cockpits

Zwar könnte man nun auch von einem gewissen Grad an Gewichtstuning ausgehen, mit 25,2kg (incl. Pedale, Laufräder Tubeless) zerrt der Jagamoasta allerdings wie gehabt gewaltig an unserer Waage. Kein Wunder, angesichts der mehr als üppigen Kraftreserven und Zusatzgewichten in Form der Mastodon und Dropper Post. Hier noch die übrigen Daten in unserer beliebten „FATBIKE-IN-A-BOX“

FATBIKE-IN-A-BOX (Drück mich!)

Alle Daten sind Herstellerangaben und entsprechen der von uns getesteten Größe „L“

Sitzrohr 480mm
Oberrohr 630mm
Sitzwinkel (effektiv) 73°
Lenkwinkel 68°
Kettenstrebe 485-500mm
Radstand 1207-1222mm
BB Höhe/Absenkung 315mm/65mm
Federweg vorn 100mm
Federweg hinten 0mm
Stack 643mm
Reach 433mm
Hinterbaubreite/Achse 197/12mm Steckachse
Gewicht Komplettbike (mit Pedale) 25,2kg

Kraft braucht Ausdauer

Nach vielen erfolgreichen Jahren mit Brose Antrieben hat Maxx seine Bikes vor einiger Zeit auf Shimano Kraftwerke umgestellt. Beim Jagamoasta kommt ein 85Nm starker Steps EP8 zum Einsatz, der von einer ausgesprochen großzügig dimensionierten 726Wh Zelle gefüttert wird. Wer sein Bier in Rosenheim sonst im „Tragerl“ (Hochdeutsch: Kiste) kauft, bekommt hier ein ganzes Fass. Prosit! Das oben erwähnte Gewicht geht in weiten Teilen auf das Konto dieses enormen Stromspeichers, während die übrigen Komponenten im Antrieb eher leichter geworden sind. Denkt man im Verhältnis von kg zu Wattstunden sieht man einen deutlich positiven Trend: die aktuelle Generation macht länger Spaß macht als je zuvor – ohne dafür nennenswert Gewicht aufzusatteln.

Kraftzwerg: der EP8 ist klein aber ausgesprochen stark

Bekanntlich halten wir uns mit Aussagen zur Reichweite ja eher bedeckt, da uns jede Art von brauchbarem Test dafür fehlt. Beim 2021er Jagamoasta ELS kann man die berühmte „Reichweitenangst“ aber getrost zu Hause lassen. Auch dank des erstaunlich leicht rollenden Schwalbe Al Mighty 4.8 Reifens schmilzt die Akkuladung selbst bei voller Belastung nur langsam dahin. Und ist man doch mal voll und ganz auf die eigenen Muskeln angewiesen, hilft die sehr geringe Innenreibung des Shimano Antriebs dabei, dass die mit Abstand überwiegende Mehrheit der gestrampelten Watt auch am Hinterrad ankommen.
Übrigens kann der Akku sowohl im Bike als auch extern geladen werden. Nach entfernen der Maxx-eigenen Abdeckung lässt sich der Kraftklotz leicht (aber auf Wunsch mit einem Schloss gesichert) entnehmen.

Sportlich: die Ausstattung

Sehr dezent: die Taster für die Wahl der Fahrstufe

Gut, was „sportlich“ ist, darüber lässt sich vielleicht streiten. Fakt ist aber, dass sich hier eine Menge robuster und leistungsfähiger Teile versammeln. So setzt man in Rosenheim auf einen breiten Riser Lenker samt Vorbau von Race Face, mächtige XT-Bremsen mit 200er Scheibe vorn, eine versenkbare Sattelstütze von e-Thirteen, eine komplette XT Schaltung, Acros Pedale, Ergon Griffe und die erwähnten Schwalbe Al Mighty Reifen. Alternativ empfängt das Jagamoasta-Hinterrad die Kraft über einen Gates-Riemen, auch eine Rohloff Nabenschaltung ist vorgesehen. Die Manitou Mastodon stellt 10cm Federweg zur Verfügung, ist aber leider nur in der Comp Version verbaut. Auf dieses Thema kommen wir später nochmal zurück.

XT Bremse, im Hintergrund die passende XT Kassette

Dank der Abwesenheit einer Head Unit wirkt das Cockpit des Jagamoasta wunderbar aufgeräumt. Sämtliche Informationen zum System sowie die Steuerung des Antriebs (z.B. die Konfiguration der einzelnen Leistungsstufen) übernimmt in diesem Fall das eigene Handy, welches über Bluetooth an das System angebunden wird. Wir haben im Test davon abgesehen, unser Handy mit einer entsprechenden Halterung an den Vorbau zu nageln. Aber das wäre der Weg, den man – entsprechenden Informationsbedarf während der Fahrt vorausgesetzt – gehen würde um eine vollwertige Head Unit zu bekommen. Das System ist tatsächlich wunderbar minimalistisch, allerdings auch ein wenig unkommunikativ. Bis auf ein paar während der Fahrt kaum zu erkennende LED's ist nichts vorhanden, was den Systemstatus mitteilt:

Ratespiel: Akkuladung? Fahrstufe? Irgendwas?

Für uns aber kein Problem, im Gegenteil. Wer auf dem Bike Zeit hat, mit der Elektronik zu daddeln, fährt nicht schnell genug. Und genau DAS wollen wir ja!

Und wenn man doch mal mehr wissen möchte…

…stellt Shimano mit der E-TUBE App und der E-TUBE RIDE App die nötige Software. Der Funktionsumfang ist riesig und du kannst sogar die einzelnen Leistungsstufen selbst in gewissen Grenzen konfigurieren. Das ist cool! Allerdings wirkt dieses App Duo auf uns trotzdem irgendwie unausgegoren, vor allem die Erstanbindung ist nichts für Nicht-Techniker mit schwachen Nerven. Insgesamt ist die „User Experience“ so lala. Zu Deutsch: so richtig Spaß wollte nicht aufkommen. Allein, dass man zwei Apps braucht um den vollen Funktionsumfang zu bekommen, ist nicht wirklich unterhaltsam. Nicht, dass die Apps grundlegend schlecht wären, aber so wirklich wie aus einem Guss wirkt das Ganze nicht. Und das sollte es. Wir würden uns vom Marktführer Shimano hier mehr „Wow!“ wünschen. Wer will sich schon sein Bier aus Mineralwasser, Hopfenkonzentrat und ein paar Tropfen Alkohol selbst mischen…

Wer braucht bei der Aussicht schon eine App!?!

Aber apropos „mischen“. Bekanntermaßen wird jedes Maxx Bike nach Kundenwunsch aufgebaut. So ist dieses Testbike auch nur ein Beispiel, wie ein Jagamoasta ELS aussehen kann. Entsprechend ist auch der Preis, wie so oft im Leben, ein Ergebnis der eigenen Wünsche. Ausgehend von einem Grundpreis von 5.359,- Euro läppern sich bei unserem Testbike laut Maxx Konfigurator rund 6.700,- zusammen. Dafür bekommt man dann ein ziemlich komplett ausgestattetes Trail e-FATBike in der Farbe seiner Wahl, mit viel „Made in Germany“, bombensicherer Technik und sehr breitem Einsatzbereich.

Fahrtest Teil 1: Jagamoasta, der Jägermeister

Sein Revier: knackige Single Trails

Da wir die grundlegenden Eigenschaften des Maxx Jagamoasta ELS schon im letzten Test abgecheckt haben, haben wir uns diesmal auf seine Fähigkeiten auf verwinkelten Single Trails, technischen Uphills und zügigen Abfahrten konzentriert. Bergauf macht der Shimano Antrieb eine gute Figur. Kraft ist immer ausreichend da. Noch wichtiger als die schiere Power ist aber, wie sie auf den Trail kommt. Und gerade im mittleren Modus, in dem die Motorleistung dynamisch geregelt wird, geht das ausgesprochen kontrolliert. So kann man selbst auf rutschigen oder losen Untergründen gut wieder anfahren, ohne, dass das Hinterrad sofort komplett übermotiviert durchdreht. Leider fehlt dem EP8 dieser „Gute-Laune-Kick“, mit dem die Brose Motoren früher so zuverlässig Lächeln auf die Gesichter der Piloten gezaubert haben. Shimano arbeitet nach eher Japanischen Tugenden: unaufgeregt, präzise, zuverlässig und dabei auch halbwegs leise.

Rock solid!

Auf verwinkelten Single Trails profitiert der Jagamoasta teilweise von seiner eher konservativen Geometrie. Der gefühlt recht steile Lenkwinkel, angegeben sind 68°, macht das Bike handlicher als man denken mag. Denn damit kaschieren die Entwickler das systembedingt eher undynamische Gewicht zum guten Teil. Lenkmanöver gehen spielend leicht und präzise von der Hand. Auf schnellen Abfahrten funktioniert das Bike ebenfalls gut und fliegt stabil aber gut manövrierbar über den Trail.

Egal, was vor dir liegt: Vollgas und durch!

Allerdings treibt die Kombination aus schwerem Rahmen, unfassbar bissigen Bremsen und ggf. groben Untergrund die Mastodon schnell in den Wahnsinn und an den Rand ihrer Möglichkeiten. Es sind eben doch „nur“ 100mm Federweg, und wer es ernst meint, wird die bei einem harten Anbrems-Manöver sehr schnell verheizen. Und das hat uns auf einen dummen Gedanken gebracht. Was wäre, wenn wir immer noch nicht das volle Potenzial des Jagamoasta ELS unter uns haben? Könnten wir da nicht… Nein.. SOLLTEN wir da nicht?!?

Fahrtest Teil 2: Jagamoasta, der Meisterjäger

Aufbau von Maxx mit 100mm Federweg

Federweg! Mehr Federweg! In unserem Fundus liegt noch eine Mastodon Pro in Standard-Länge mit 150mm Federweg. Und normalerweise schrauben wir an Testbikes ja nicht rum, aber dieses Mal war die Versuchung zu groß. Denn schließlich wollten wir ja wissen, wie viel Potenzial denn nun im Jagamoasta ELS steckt, und wir wollen es euch nicht vorenthalten. Also haben wir das Teil kurzerhand mal eingebaut. Und auch, wenn Maxx das Bike so nicht anbietet: damit lässt sich das Biest gepflegt entfesseln. Die Gabel war bereits von früheren Einsätzen weitgehend optimal abgestimmt. Aber allein der etwas flachere Lenkwinkel (aufgrund der längeren Gabel) und die Tatsache, dass 50% mehr Federweg eben viel mehr Reserven bringen, geben dir dieses „MEHR!!!!“ Gefühl. So bewaffnet wird der Jägermeister zum Meisterjäger, der Hindernisse sprichwörtlich wegschnupft, die Möglichkeiten des bärenstarken Antriebs voll ausnutzt und die Nachteile beim Gewicht souverän im Federweg einfängt.

Dazu müssen wir ausdrücklich betonen, dass diese Kombination – Hardtail mit 150mm Federweg – durchaus extrem ist und von Maxx auch so wie gesagt nicht angeboten wird. Die Veränderungen der Geometrie (Lenkwinkel, Sitzwinkel, Tretlagerhöhe, etc) sind durchaus erheblich und man sollte sich gut überlegen, ob man so ein Bike fahren kann und will. Denn so ein Setup ist nur für Biker sinnvoll, die harte Trails mit Schmackes wegbügeln wollen und wissen, was sie tun. Aber: (gut abgestimmte) 120mm stehen dem Jagamoasta aus unserer Sicht perfekt zu Gesicht. Über die Anpassung des Federwegs einer Mastodon haben wir ja schon im TechTalk berichten. Wer selbst experimentieren möchte, findet hier hilfreiche Tipps.

Entfesseltes Biest: der Jagamoasta mit 150mm Gabel

Wir haben die Gabel natürlich nach einer kurzen Testfahrt zurückgebaut. Aber im Prinzip hat das Experiment eines bewiesen: im Jagamoasta ELS steckt viel mehr, als man so glauben mag – mit entsprechende Modifikationen kann das Bike extreme Anforderungen in jede Richtung erfüllen.

Was bleibt?

Beim Erstkontakt hat sich der Jagamoasta ELS als ein typisches „Ur-FATBike“ präsentiert, gebaut, um durch zu kommen. Der Maxx Jagamoasta ELS ist ein solides, bombensicheres FATBike mit eher konservativer Grundauslegung. Deswegen stehen ihm Gepäckträger und Seitenständer gut zu Gesicht. Aber wir haben es geahnt: was als Lastesel mit Bärenkräften konzipiert wurde, kann viel mehr. Mit ordentlich Federweg, versenkbarer Sattelstütze und ein paar weiteren Umbauten – die meisten davon gibt's bei Maxx ab Werk – lässt es sich damit vortrefflich durch den Wald heizen. Wir persönlich finden ja durchaus Gefallen daran, mit einem e-Bike den Berg vorn runter zu schottern und hinten wieder rauf zu fahren. Denn das macht Laune. Wieder und wieder und wieder.
So soll dieser Artikel auch ein Anstoß sind, sein Bike anders zu denken und verborgenes Potenzial zu erkennen. Denn zumindest beim Jagamoasta steckt viel mehr drin, als man auf den ersten Blick erkennt.

One Response

  1. Sven

    Hallo Leute,

    ich habe jetzt seit Anfang August den Jagamoasta mit der Standard Mastodon und bin rundum begeistert. Ein Super-Bike!

    Viele Grüße,
    Sven

    Antworten

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