Bring me Edelweiß!

Der Mondraker e-Panzer R geht 2017 bereits in die zweite Runde und trägt eine seiner (für uns) großartigsten Neuerungen unübersehbar zur Schau: statt schwarz mit pinken Decals erstrahlt er in extrem edlem perlmuttweißen Gewand. Mit an Bord: die übliche Armada von Mondraker Decals, diesmal jedoch in schlichtem Schwarz. Im Stylecheck gibts also schonmal Pluspunkte!

Edelweiß!

Edelweiß!

Unter’m Lack findet sich wie beim nicht motorisierten Panzer ein erstklassig verarbeitete Rahmen, nur eben modifiziert für den Innenborder. Leider sehen die Bosch-Komponenten keine optische elegante Integration des Akkus im Unterrohr vor. Geblieben sind die X12 Steckachse, die massiven Sitz- und Kettenstreben – und die eigenwillige IS Bremsaufnahme hinten. Eine Dropper Post ist nicht an Bord, kann jedoch einfach per außen verlegtem Zug nachgerüstet werden.

Auf Schnee nicht nur sexy sondern auch kaum aufzuhalten!

Auf Schnee nicht nur kaum zu sehen, sondern auch kaum aufzuhalten!

Muss man trotz Motor doch mal innerhalb der 11 Gänge wechseln gibt man seine Befehle an Schalthebel und -werk von Shimano’s Deore XT weiter. Kette und Kassette entstammen der SLX Reihe von Shimano, was wir ausnahmsweise mal nicht als versteckte Sparmaßnahme sondern als durchaus sinnvolle Lösung betrachten. Das Duo aus Fahrer und Motor reißt mit Urgewalt am Antrieb – da kann eine robuste und günstige Kassette nicht schaden.

Schalt-Werk: die XT/SLX Kombination am Heck

Schalt-Werk: die XT/SLX Kombination am Heck

Um den Tiefflieger sicher gegen heraneilende Bäume, Kurvenscheitelpunkte und Felsbrocken verteidigen zu können hat Mondraker dem e-Panzer R eine der aktuell bissigsten Bremsen am Markt verpasst: die Sram Guide R. Die trifft vorn und hinten (!) auf üppig dimensionierte 200er Scheiben. Schneller zum stehen kommt man eigentlich nur noch mit großen Downhill-Bremsen – oder, indem man frontal gegen einen Baum fährt.

Let it roll!

Der Beißer: Maxxis Minion FBR

Der Beißer: Maxxis Minion FBR

Lecker: die Reifen. Über die Maxxis Minion FBF/FBR FATBike Reifen im grundsoliden Format 4.8″ wissen wir seit unserem Test: sie gehören zur Creme de la Creme der FATBike Schlappen. Sie fressen andere Reifen zum Frühstück und kaum ein anderer Reifen kann es in Sachen Traktion mit diesen Beißern aufnehmen. Der Minion FBR stellt selbst dann noch den Kraftfluss sicher, wenn die meisten anderen Reifen schon – im wahrsten Sinne des Wortes – verzweifelt durchdrehen.

Sie sind wieder da...

Sie sind wieder da…

Leider machen es sich in den Minions zwei alte Bekannte bequem: die Laufräder. Diese kennen wir schon vom Panzer R und sie waren damals – wie heute – der größte Kritikpunkt. Hauptprobleme sind der schlechte Reifensitz und die nahezu vollkomme tubeless Untauglichkeit. Wir würden ihn frühzeitig gegen einen hochwertigeren Radsatz tauschen. Denn hier lauert eine enorme Gewichtsersparnis von weit über 1kg und bessere Rolleigenschaften dank tubeless und leichterer Räder. Das passt dann auch besser zum Gesamtpaket des Mondraker e-Panzer R.

Powered by Bosch

Powered by Bosch, stopped by SRAM

Powered by Bosch, stopped by SRAM

Beim Antrieb lässt sich Mondraker dagegen nicht lumpen und verpasst dem e-Panzer R einen ausgereiften Bosch Performance Line CX Treibsatz mit 250 Watt Mittelmotor und stattlichem 500Wh Akku. In der höchsten Unterstützungsstufe „Turbo“ wuchtet er ein maximales Drehmoment von 75Nm auf den Antrieb. Wie immer gehen wir hier nicht auf irgendwelche Messwerte und theoretischen Reichweiten ein – einfach weil uns derzeit die Möglichkeiten fehlen einen sinnvollen und reproduzierbaren Testzyklus aufzusetzen.

Der mächige Akku thront (leider) auf dem Oberrohr.

Der mächige Akku thront (leider) auf dem Unterrohr.

Der Zusatzantrieb lässt sich in 4 Stufen (Eco, Tour, Sport und Turbo) über die Zentraleinheit, welche über ein beleuchtetes Display verfügt, zuschalten. Die gewählte Stufe wird jedoch nur beim Wechsel der Stufe kurz angezeigt und dann zugunsten der Reichweitenanzeige ausgeblendet. Bereits die Stufe „Eco“ ist sehr (eigentlich fast zu) kräftig und man lässt konditionell gleich starke Biker ohne eFatty extrem alt aussehen!

Bosch-Klassiker: beleuchtete Schaltzentrale

Bosch-Klassiker: beleuchtete Schaltzentrale

Die Abstimmung des Motors selbst ist gelungen: er spricht selbst in der höchste Stufe sanft an und schiebt dann gewaltig nach. Leider ist der Nachlauf des Bosch Antriebs recht lang. Das eliminiert zwar den Totpunkt beim Treten, verlangt aber nach einiger Übung, um nicht über jede nasse Wurzel zu rutschen und die Schaltung in Lichtgeschwindigkeit zu shreddern. Ein wenig Abhilfe schafft es, die kleinstmögliche Stufe zu wählen statt immer mit „Turbo“ die Berge raufzuheizen.

Überhaupt die reicht die Eco Stufe eigentlich für die meisten Lebenslagen locker aus. Für eine gute Performance sind jedoch ein möglichst runder Tritt und eher hohe Trittfrequenzen nötig – bei harten Beschleunigungsmanövern oder im Wiegetritt spricht der Motor nur eingeschränkt an. Fährt man einen zu hohen Gang leidet die Unterstützung ebenfalls.

Kurbel? Super. Schlamm? Riskant.

Hauteng: die Kurbel

Hauteng: die Kurbel

Absolut vorbildlich ist die Kurbel des Bosch Systems, denn die sitzt quasi hauteng an den Kettenstreben. Noch kleiner kann man den Q-Faktor nicht machen. Das bedeutet mehr Bodenfreiheit in Kurven und effizientes Pedalieren. Empfindliche Knie freu es außerdem.
Eine Eigenart des Bosch Systems haben wir aber ausgemacht, die für schnee- und schlammgierige FATBiker durchaus Relevanz haben kann.

Game over!

Game over!

Jagt man mit dem e-Panzer durch Schlamm bewirft der hintere Reifen das vordere Ritzel samt Kettenführung pausenlos mit Dreck. Konstruktionsbedingt sitzt der Schlamm hier in der Falle und wird durch den enormen Druck der Kette zu einer kompakten Masse verdichtet. Die Kette springt, game over!
Interessanterweise ging das sogar recht schnell, hier wäre eine schützende Abdeckung definitiv sinnvoll. Eine Weiterfahrt ist in diesem Fall erst möglich, nachdem man das Erdreich mühsam wieder aus dem Antrieb gekratzt hat.

Ritt auf der Kanonenkugel

Das Mondraker e-Panzer R mag schlicht und nobel daherkommen, aaaaber… Es ist so zurückhaltend wie ein Känguru nach einem Eimer Kaffee. Die aggressive Geometrie, welche schon beim Test des Panzer R für eine Menge Spaß gesorgt hat, ist genauso an Bord wie die satte 120mm Bluto. Flacher Lenkwinkel, steiler Sitzwinkel, langes Oberrohr, ein kurzes Steuerrohr – auf dem Mondraker e-Panzer sitzt es sich entspannt und doch ist man jederzeit „ready for take off!“. Dabei ist die Geometrie tatsächlich mit der des unmotorisierten Panzer identisch – lediglich die Kettenstreben wurden für den Motor um 3cm verlängert.

Matt beim runterhügeln

Matt beim runterhügeln…

Auch, wenn natürlich auch beim Mondraker e-Panzer R die gesetzlich verordnete Spaßbremse bei 25km/h die Reißleine zieht: es ist ein Ritt auf einer Kanonenkugel. Die Sitzposition erlaubt jederzeit entspanntes Touren, dabei ist das Panzer aber eigentlich abgrundtief böse. Nur wenige FATBikes bekommen den Spagat zwischen aggressiver Wendigkeit auf Trails und stoischer Spurstabilität bei High Speed so elegant hin wie das Mondaker Panzer. Bergauf klebt das Vorderrad am Boden, bergab und auf Single Trails tänzelt ein Mondraker Panzer (ohne „e“ – dazu gleich mehr) leichtfüßig dahin.
Auch das Mondraker e-Panzer besitzt diesen kräftigen Biss, allerdings gelten etwas andere Regeln. Erstmal ist das e-Panzer ein tiefenentspannter Tourer. Wer einfach nur frische Milch und Speck von seiner Lieblingsalm holen möchte wird hier glücklich werden.

...und beim Schlammwerfen.

…und beim Schlammwerfen.

Trailridern bietet das e-Panzer eine kräftige Plattform für völlig neue Erfahrungen, z.B. Uphill. Haut man „Turbo“ rein zermalmen die Maxxis Minion unfahrbar steile Anstiege regelrecht und stempeln ihren Fußabdruck in Wurzeln und Anlieger. Ratz, fatz ist man oben. Wer jetzt glaubt, Herr Bosch würde das alles regeln: weit gefehlt! Wenn man oben ankommt ist man völlig am Ende, denn wenn man alles gibt sorgt im Wesentlichen der Fahrer für den Vortrieb. Die 250W kümmern sich vor allem darum, das Unmögliche möglich zu machen. Wenn das modernes biken ist, dann ab dafür!

Modernes Bike, moderne Hindernisse!

Aber es ist nur die halbe Wahrheit, denn noch etwas ist FAT: das Gewicht. Mit ca. 23,5kg (von uns gewogen, ohne Pedale) ist das Mondraker e-Panzer ein ziemlicher Brocken. Klar, der Motor überkompensiert das Gewicht. Aber wenn das modernes biken ist, sehen moderne Hindernisse so aus:

Liegt ein Baum im Weg wird's lustig...

Liegt ein Baum im Weg wird’s lustig…

Schonmal 24kg 100 Meter weit über umgestürzte Bäume geschleppt? Nein? Gut! Ohne laufenden Motor sind eBikes nämlich schlicht schwere, unhandliche Klötzer. Fällt der Akku aus oder ist leer wird es, vorsichtig gesagt, anstrengend. Selbst trainierte Biker haben bergauf an einem gut 24kg schweren Bike ordentlich zu beißen. Diesem grundsätzlichen Problem kann sich natürlich auch das e-Panzer nicht entziehen.

Langes Oberrohr, kurzer Vorbau: Fast Forward!

Langes Oberrohr, kurzer Vorbau: Forward!

Dem Übergewicht zum Trotz macht aber Mondraker’s schlichtweg überragende „Forward“ Geometrie auf Single Trails Kasse. An die spielerische Leichtfüßigkeit unmotorisierter, leichter Trailbikes reicht es zwar nicht ran. Dafür ist es zu schwer und träge. Die nötige Fahrtechnik, eine feste Hand am Lenker und einigen Körpereinsatz vorausgesetzt lässt sich das e-Panzer jedoch erstaunlich straff um die Kurve werfen. Hier kommt es dem Bike zu Gute, dass das gesamte Setup konsequent auf die hohen Belastungen ausgelegt ist. Vor allem die mächtigen Reifen und Bremsen sind Gold wert, wenn mal wieder das Rückenmark die Steuerung übernimmt.
Wichtig: da hinten keine zusätzliche Federung zur Verfügung steht muss man das zusätzliche Gewicht von fast 10kg bei der Abstimmung des Luftdrucks (wir waren mit ca. 20% mehr als normal gut unterwegs, also 0.5bar im Minion FBR bei 80kg Fahrergewicht) berücksichtigen. Das gilt auch für die Gabel, bei der etwa 10% mehr Druck eine gute Hausnummer sind.

Der spezielle e-MTB Sattel verhindert Stromschläge am Hintern. Oder?

Der spezielle e-MTB Sattel verhindert Stromschläge am Hintern. Was sonst?

Lässt man allzu verwinkelte Trails aus und den Motor eingeschaltet wieselt das Mondraker e-Panzer unbändiger durch den Wald und macht, wie oben schon geschrieben, Unmögliches möglich. Der Fahrspaß ist riesig und man erwischt sich ständig mit dem Gedanken „Hey, dort drüben bin ich doch auch noch nie hoch gefahren! Nichts wie hin!!!“
Wie gesagt: es gelten andere Regeln. Und damit kommen wir zu:

Was bleibt?

Scharfes Teil!

Scharfes Teil!

Das Mondraker e-Panzer R hinterlässt einen guten Eindruck. Zum einen ist es ein ausgezeichnetes Tourenbike, mit dem sich selbst ausgiebige Ausritte entspannt abwickeln lassen. Zum anderen macht es mit seinem kräftigen Antrieb und der bitterbösen Geometrie traditionell spaßbefreite Zonen zu Spielplätzen. Es gilt: volle Kraft voraus!
Die gewichtsbedingten Schwächen im Trail-Handling kann man dank „Forward“ Geometrie verschmerzen – vielleicht sind ausgefuchste Trail-Rider aber auch nicht zwingend die Hauptzielgruppe dieses Bikes. Zum Glück hat Mondraker am e-Panzer trotz der insgesamt durchweg hochwertigen Ausstattung Tuningpotenzial gelassen: ein Satz DT Swiss BR2250 Räder plus tubeless-Montage der Minions verbessert die Agilität deutlich und spart sowohl eine Menge Energie als auch gut 1.5kg Gewicht.

Letzte Frage: der Preis. Mondraker ist traditionell wenig zimperlich beim Ausstellen von Preisschildern. Die hier aufgerufenen 3.999,- Euro dürfen für das gebotene Paket jedoch als absolut fair gelten – und sind sogar noch 200,- günstiger als das 2016er Modell. Der Rahmen ist exzellent, die Ausstattung hochwertig und der Antrieb gehört zum Besten, was der Markt zu bieten hat. Und der Fahrspaß? Unbezahlbar!

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