Macht nicht nur Schwaben glücklich: das Silverback S-Electro FAT

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Keine Frage – E-FATBikes sind nach wie vor heiß umstritten. Und vorallem eins: teuer. Am ersten Problem kann wohl auch das Silverback S-Electro FAT nichts ändern. Dafür haben sich die Schwaben beim S-Electro Fat nicht lumpen lassen und mit spitzem Bleistift “2.299,- Euro*” auf’s Preisschild gekritzelt. Ist geiz immernoch geil? Oder kauft man “billig” zweimal? Wir haben das Silverback S-Electro FAT ein paar Wochen lang auf Herz und Nieren geprüft und sagen Euch, was das Ding drauf hat. Und wo seine Grenzen liegen. Soviel vorweg: you get what you pay for. Und tatsächlich sogar einiges mehr.

Das Silverback S-Electro FAT im Detail.

…stimmt!

Angesichts des magersüchtigen Preisschilds ist man geneigt, sich beim Anblick des Silverback S-Electro FAT erstmal die Augen zu reiben. Voll-Carbongabel, komplette Sun Ringle Mulefüt Laufräder, hydraulische Scheibenbremsen und sogar ein XT Schaltwerk – die Netzhaut muss sich irren. Das muss man sich auch erstmal auf der Zunge zergehen lassen: eine Monocoque Carbongabel. Sowas kriegst du sonst bei Perlen wie Specialized oder Norco… Laut Katalog sind sogar Vee Tire Snow Shoe 4.5 Reifen mit hochwertiger 120TPI Karkasse im Paket, unser Testbike wurde allerdings mit bescheidenen Kenda Juggernaut Sport 4.5 bespannt. Es gibt Hersteller, da bekommt diese Ausstattung für ähnliche Preise – ohne Hilfsmotor.

Gestoppt wird hydraulisch

Die Anbauteile – Lenker, Vorbau, Sattel und Sattelstütze – sind Hausmannskost. Überrascht hat uns der Rahmen: anders als bei seinen bisherigen Bikes setzt Silverback diesmal auf die erfahrungsgemäß sehr strapazierfähige Aluminiumlegierung 6061. Auch sonst ist der Rahmen mit seinem wechselbaren Schaltauge, der 197mm Steckachse und den innenverlegten Leitungen absolut auf der Höhe der Zeit.

Ba… was?

Und dann er so “Bafang!”. Und dann ich so “Hä?!?”. Naja, man kann nicht alles kennen. Also Recherchemodus an: Bafang ist ein Chinesischer Hersteller von allerlei Kram im Bereich e-Mobilität. Genau genommen bietet Bafang komplette Antriebsstränge, vom Ladegerät bis zum Motor. Der im Silverback S-Electro FAT* installierte Motor ist mit 250W und stolzen 85Nm angegeben. Damit liegt er in der bei e-FATBikes üblichen Leistungsklasse auf Augenhöhe mit Bosch, Brose und Yamaha. Und auch der stattliche 500Wh Akku sorgt für Chancengleichheit. Bafang verspricht “großzügige Leistungsabgabe” und einen nahezu lautlosen Antrieb. Schauen wir mal.

Motor und Akku

Fakt ist, dass sich das gesamte Kunstwerk aus Rahmen, Gabel, e-Antrieb und Komponenten auf stattliche 23kg (ohne Pedale) summiert. Spendiert man seinem S-Electro Fat einen Tubelessumbau kann man nochmal ein knappes Kilo abziehen. Wer unsere laufende Kernkritik am e-FATBike inzwischen leid ist, findet sie hier trotzdem nochmal: aus unserer Sicht sind Kampfgewichte jenseits der 20kg bestenfalls für Tourenradler zweckmäßig. Schon Bikes mit mehr als 15kg lassen sich einfach mieserabel in den Kombi oder SUV wuchten, über einen Weidezaun hieven oder in den Keller tragen. Und da hilft auch Strom nichts.

Das Silverback S-Electro FAT im Alltag

Sitz-Check. Die Sitzposition ist erstaunlich sportlich und dazu auch noch sehr bequem. Sowas ist ja immer sehr subjektiv, aber das S-Electro Fat ist definitiv kein hochbeiniges Tourenrad mit kurzem Rahmen. Hier sitzt man einfach gut, alles ist da, wo man es intuitiv erwarten würde.

Schalt mich ein, ich schalt mich aus!

Beim Start kommen uns dann aber erste Zweifel. Akku und Headunit müssen getrennt eingeschaltet werden. Das ist unnötig umständlich. Auch die versprochene Lautlosigkeit muss sich irgendwo hinter dem Rotstift verstecken: bereits bei geringer Last ist das typische, sägende Fiepen deutlich hörbar. Allerdings wird das Laufgeräusch bei höherer Belastung nicht mehr lauter.

Die Headunit erlaubt die Steuerung in 5 Stufen. Dabei bietet das Silverback S-Electro FAT endlich mal etwas, was wir bisher immer vermisst haben: eine minimale Unterstützung (Stufen 1 & 2), welche praktisch nur das Mehrgewicht ausgleicht. Das sorgt für Fairnis wenn die Bike Buddies auf konventionellen Bikes sitzen. E-FATBiker langweilen sich auf gemischten Touren erfahrungsgemäß während sie von den Anderen verflucht werden.

Praktisch…

Am anderen Ende der Leistungsskala verfehlt der Bafang Motor dann jedoch auch das zweite Versprechen. Datenblatt und Realität liegen bei der Leistungsabgabe des Motors deutlich auseinander. Selbst auf höchster Stufe liegt die maximale Beschleunigung spürbar hinter anderen Antrieben dieser Leistungklasse zurück. Unser Härtetest für e-Fatties ist eine gut 150 Meter lange Rampe entlang der Steigleitung eines Wasserkraftwerks. Hier haben wir mit dem S-Electro Fat nur etwa 2/3 der Geschwindigkeit geschafft, die andere e-Fatties erreicht haben. Das reicht für den Alltagseinsatz natürlich immeroch locker aus. Die – nominal in etwa gleich hohe – Performance eines Mondraker E-Panzer oder Maxx Huraxdax EL bekommt man beim S-Electro Fat aber nicht. Allerdings kostet eben auch nur etwa die Hälfte.

Wie so oft: unnötige breite Kurbeln. Leider.

Dass der Bafang Motor selbst unter maximaler Dauerlast nicht nachlässt fällt da nicht weiter in’s Gewicht. Wir vermuten, dass die von Silverback verwendete Software zu sehr auf Reichweite und den Schutz der Komponenten getrimmt wurde und der Motor seine Nennleistung bzw. Drehmoment nicht in vollem Umfang nutzt.

Komfortabler Langstreckenbomber

Leicht und hart: die wunderschöne Carbongabel

Für Verwöhnatmosphäre sorgt da schon eher das Handling. Gerade das bei FATBikes oft kritische Einlenkverhalten kann sich beim Silverback S-Electro Fat sehen lassen und gibt dem Piloten keine Rätsel auf. Selbst auf langen Touren ermüden weder Rücken noch Handgelenke. Der Geradeauslauf ist vorbildlich und das S-Electro Fat* macht auf fast allen Untergründen eine gute Figur. Lediglich auf schroffen bzw. verwinkelten Trails schlagen das enorme Gewicht, die langen Kettenstreben und die unfassbar harte Carbongabel störend auf’s Handling. Allerdings würden wir hier mal unterschreiben, dass das S-Electro Fat definitiv nicht für solche Einsätze ersonnen wurde.

Fantastisch: Shimano durch und durch!

Der Rest der Komponenten tut unauffällig seinen Dienst, wobei vorallem die Schaltung mit ihrem wunderbar geschmeidigen “Shimano-Feeling” glänzt. Silverback lässt, wie üblich, sämtliche Komponentenmix-Experimente bleiben. Sehr zur Freude des Fahrers. Die Headunit des Antriebs ist erstaunlich vielseitig und bietet eine Menge Information. So kann man sich schön die Zeit vertreiben wenn bergauf Langeweile aufkommt. Allerdings taugt sie nicht als reiner Fahrradcomputer. Deaktiviert man den Motor komplett, z.B. um Strom zu sparen, zeigt die Headunit zwar weiterhin Geschwindigkeit & Co, schaltet sich aber nach ein paar Minuten ab. Wir haben das als sehr störend empfunden, auch weil man die Headunit erst wieder einschalten muss bevor man den Motor nutzen kann. Also besser immer Stufe 1 aktiviert lassen. Die Reichweite des Silverback S-Electro ist ohnehin gefühlt riesig (sorry, dafür haben wir weiterhin keinen objektiven Test…).

Was bleibt?

Hungrig nach mehr!

Für 2.299,- Euro* ist das Silverback S-Electro Fat ohne Diskussion ein Preis-Leistungs-Kracher. Vorallem der ausgewogen dimensionierte und gut gemachte Rahmen, der hochwertige Laufradsatz und die komplette Shimano Schaltung machen Laune. Dass man dazu auch noch eine monocoque (!!) Carbongabel bekommt, ist fast schon unverschämt. Lediglich der Antrieb kann nicht mit der laut Datenblatt ähnlich starken Konkurrenz mithalten. Sieht man ihn aber im preislichen Kontext, geht die Performance in Ordnung. Denn hier bekommt man verdammt viel e-Fatty für’s Geld. Und wer weiß, vielleicht liefert Silverback noch ein Softwareupdate zur Optimierung nach.
Das Silverback S-Electro Fat eignet sich damit hervorragend für ambitionierte Tourenfahrer, denen Reichweite wichtiger ist als maximale Leistung.  Und für alle, die es einfach mal ausprobieren wollen – denn falsch macht man bei 2.299,- Euro mal überhaupt nichts!

Das Silverback S-Electro Fat kann ab sofort im Fachhandel vorbestellt werden, z.B. natürlich auch bei unserem Partner Alex*

 

* Partnerlinks sind wie immer mit “*” gekennzeichnet

4 Responses

  1. Olli

    Sehr ordentliches Teil. Warum aber nicht in einer Variante mit Bluto oder Mastodon?
    Eine solche müsste ich immer auf den Preis draufrechnen, worauf sich dieser stark relativiert. Mit 100 mm Bluto und leichteren und günstigeren Reifen könnte man sicher für überschaubaren Aufpreis ein Bike realisieren, dass von der Stange in der gleichen Liga wie die deutlich teureren Bikes spielt.

    Antworten
    • Matt

      Hi Olli,

      Danke für Deinen Kommentar. Warum Silverback das Modell nur mit Starrgabel anbietet wissen wir nicht sicher, allerdings sind auch e-Biker kritisch beim Gewicht. Je nach Gabel kann man nochmal 1-1,5kg auf das sowieso nicht gerade leichte S-Electro draufrechnen. Vielleicht ist es auch erstmal nur ein “Tetballon” und weitere Modelle folgen.
      Ob das S-Electro dadurch in die gleiche Liga wie deutlich teurere Bikes kommt, sei dahingestellt. Aber es rundet auf jeden Fall die Palette der verfügbaren e-Fatties am unteren Ende ab – was alle anderen Hersteller bisher völlig vernachlässigt haben. Das Lob hat Silverback schon allein dafür verdient.

      FATte Grüße

      Matt

  2. Andy

    Komisch, ist das ein Vorserienmodell? Oder hat Silverback da was per Software verhunzt? Ich hab auch ein Fatty mit Bafang MaxDrive und 250 Watt und:
    – der schiebt stärker als vergleichbare Boschmotoren (nicht zu vergessen, ab dem 25 km/h Abregelpunkt tritt man bei Bafang kein Getriebe mit, bei Bosch schon)
    – ist beinahe lautlos (außer bei Minusgraden, da hört man ihn surren)
    – die Headunit bleibt an, auch auf Stufe 0, solange man fährt. Wenn das Bike steht, geht das Display nach der eingestellten Zeit aus.
    Nur bei der im Datenblatt angegebenen Reichweite von 180 Kilometern, da passt was nicht. Vielleicht wenn der Motor in ein dünnbereiftes Rennrad eingebaut ist? 🙂

    Antworten
    • Matt

      Hi Andy,

      danke für Deinen Kommentar. Mit seinem Drehmoment sollte er auch stärker schiebe als Bosch, tat er aber nicht. Dabei können wir natürlich nur über das Bike sprechen, was uns zur Verfügung gestellt wurde. Wir werden da zu gegebener Zeit nochmal einen Re-Test machen.

      FATte Grüße

      Matt

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