Vor einiger Zeit hatten wir das Thema 27.5 FAT bzw. 650b FAT eröffnet, und nun stehen natürlich die Tests der Reifen aus. Denn insbesondere Reifentests haben bei uns von FAT-Bike.de eine lange Tradition. Und da war bisher so ziemlich alles dabei, von „hot“ bis „not“. Und ab und an haben wir uns auch mal fragend am Kopf gekratzt. Womit wir beim Vee Tire Crown Gem 27.5 x 3.8 wären, dem ganzen Stolz der Vee Tire Reifenfamilie, der uns am Ende etwas ratlos zurücklässt.

Vee Tire Crown Gem 27.5 x 3.8 – passt der?

Beginnen wir aber mit einer generellen Frage, die uns nach der Großen Reifenvorstellung immer wieder gestellt wurde: „Passt ein 650b FAT Reifen in ein normales FATBike?“. Die Antwort ist klar: ja, ähm, naja, also… Puh…

Keine Sorge, der passt!

So ganz pauschal lässt sich das nicht verantworten, deswegen geben wir ab sofort bei jedem Reifentest dieser Kategorie die Werte für den Schwalbe Jumbo Jim 4.0 und 4.8 als Referenzwert mit. Warum gerade der Jumbo Jim? Naja, das ist nicht so schwer zu erraten: kein anderer Reifen wurde öfter ab Werk verbaut – auch wenn er bei weitem nicht die beste FATBike Pelle ist, ist „JJ“ eine gute Referenz. Was den Vee Tire Crown Gem 27.5 x 3.8* betrifft können wir sagen: der passt problemlos in jedes FATBike.
Alle Details findest du, wie immer, hier im „Tire-In-A-Box“

TIRE-IN-A-BOX (Drück mich!)

Vee Tire Crown Gem 27.5 x 3.8

Werte auf einer 80mm Felge

Gewicht 1.400 Gramm
Umfang 2.340mm
Höhe (ab Felgenhorn) 70mm
Breite 94mm
Anzahl Stollen 518 (37 Cluster á 14 Stollen)
Höhe Mittelstollen 5,0mm
BB Höhe Schulterstollen 5,0mm
TPI / TLR 120 / Ja
JJ: Umfang (4.8/4.0) 2.405mm /2.309mm
JJ: Höhe (4.8/4.0, ab Felgenhorn) 94mm / 80mm
JJ: Breite (4.8/4.0) 110mm / 99mm

Der Vee Tire Crown Gem 27.5 x 3.8 im Detail

Alle wichtigen Details

Nun also der erste Test eines 27.5 FAT Reifens. Der Vee Tire Crown Gem 27.5 x 3.8 liegt für seine Felgengröße in Sachen Breite ziemlich im Mittelfeld. Von der Baugröße her liegt er in etwa im Bereich normaler vier/nuller FATBike Reifen, wobei natürlich die geringere Höhe auffällt. In Sachen Stollen ist das Kronjuwel stattlich bestückt, Höhen und Anzahl dürfen als amtlich gelten. Ebenfalls auffällig ist die extrem dicke Lauffläche. In Sachen Pannenschutz dürfte der Reifen weit vorn liegen, allerdings ist er auch ziemlich schwer geraten. Dieses konstruktive Detail bringt auch ein paar andere Nachteile mit sich, dazu gleich mehr.

Harte Kante: Übergang von der steifen Lauffläche zu den Flanken

Die übrigen Daten sind top: 120 TPI Karkasse, Tubeless Ready und die außerordentlich bewährte Silica Compound Gummimischung sind wie üblich an Bord.

Der Crown Gem. Geschmeidig wie…

…ein Stück Feuerholz. Der Spaß mit dem Vee Tire Crown Gem 27.5 x 3.8 beginnt jedoch schon kurz nach dem Auspacken – zumindest wenn dein Begehr ist, ihn Tubeless auf die Felge zu pflanzen. Denn die dicke, steife Lauffläche liegt zwischen relativ weichen Seitenwänden und verpasst diesen direkt nach dem ersten Auspacken in etwa die Form von Kartoffelchips. Die Tubeless Montage war selten so schwierig wie in diesem Fall. Nur die einseitige Vormontage mit Schlauch und eine anschließende Attacke mit dem bewährten Duo „Schwalbe Tire Booster + Kompressorpumpe“ hat das störrische Biest erst in die Knie und dann in’s Felgenbett gezwungen.
Gute Nachrichten für alle Schlauchliebhaber: mit Schlauch klappt die Montage problemlos.

Form, Größe und Anordnung der Stollen: passt!

Problemlos ist auch die Abdichtung: selbst ohne Dichtmilch hält der Crown Gem lange die Luft an. Vorbildlich!

Selten so gespannt gewesen!

Test auf hart gefrorenem Boden

Gespannt wie ein Flaschenöffner am Samstagabend waren wir auf den ersten Ausritt. Denn irgendwie trat der Vee Tire Crown Gem* ja als Botschafter für ein neues Reifenformat an. Aber so richtig Spaß aufkommen wollte erstmal nicht. Wir sind mit 0.5 bar gestartet und, wie immer, die ersten paar Kilometer auf Asphalt gerollt. Erstes Fazit: erstaunlich hoher Rollwiderstand und ein sehr deutliches Self Steering. Unser Mondraker Panzer ist ja sonst eher der Flummi unter den Fatties… Aber nicht heute. Also haben wir den Druck auf 0.6 bar erhöht, was zumindest das Self Steering etwas gemildert hat.

Kann auch Schnee…

Im Wald geht es erstmal einen nassen, steinigen Anstieg rauf. Traktion: gut! Nasse, harte und rutschige Untergründe scheinen dem Crown Gem zu liegen. Aber wir hatten schon die nächste Ahnung… Wo bitte geht es hier zum Komfort? Dass schmale bzw. flache Reifen nicht notwendigerweise umkomfortabel sein müssen, haben Panaracer Fat B Nimble 4.0 und Kenda Juggernaut Pro 4.0 eindrucksvoll bewiesen. Der Crown Gem stolpert hier aber wieder über seine Konstruktion: die harte Lauffläche gibt bei Hindernissen nur widerwillig nach, der Abrollkomfort ist spärlich. Eine Druckminderung hilft – erhöht aber den sowieso schon hohen Rollwiderstand und das Self Steering noch weiter… Sweet Spot? Fehlanzeige.

Und die Stärken so?

Sein Element: Single Trails

Okay, jetzt mag vielleicht der Eindruck entstehen, dass der Vee Tire Crown Gem 27.5 x 3.8 eine Totalausfall ist. Nein, das stimmt nun auch wieder nicht. Neben seiner extremen Pannensicherheit, vermutlich würde er unbeschadet eine Landmine überstehen, hat der Vee Tire Crown Gem extreme Eigenschaften auf Single Trails. Hier zahlen sich sowohl das ungewöhnlich starke Eigenlenkverhalten als auch die steife Bauweise aus – vorausgesetzt, der Pilot weiß, was er tut. Der Crown Gem fährt sich so, wie sich der berühmte Eurofighter fliegt: der Legende nach würde er ohne seine zig Bordcomputer wie ein Stein vom Himmel fallen. Der Crown Gem ist fahrdynamisch instabil, zerrt das Bike ständig aus der Mittellage und fräst sich regelrecht in die Kurven. Wo man andere Reifen IN die Kurve zwingen muss, muss man den Crown Gem HERAUS zwingen. Das ist am Anfang ungewohnt und bedeutet viel Arbeit. Aber es macht mit etwas Übung irre viel Spaß: der Crown Gem ist wirklich ein äußerst aggressiver Kurvenräuber.

Hier bei frühlingshaftem Wetter…

Dazu kommt seine flache Bauweise: kein uns bekannte FATBike Reifen hat so wenig „Wobble“, sprich der Crown Gem fährt sich nahezu so präzise wie ein guter Mountainbike-Reifen. Dafür dürfte er nahezu alle MTB Reifen beim Grip übertrumpfen – wobei er in dieser Disziplin mangels Anpassungsfähigkeit mit guten FATBike Reifen nicht mithalten kann.

Fazit also hier: auf schnellen, verwinkelten Single Trails erreicht er eine bisher im FATBike Bereich schwer zu findende Performance, keinen anderen bisher getesteten Reifen kann man so spitz um die Ecke werfen.

Und nun?

Eher kein typischer Vertreter von 27.5 FAT…

Wenn wir ein Zwischen- oder besser vor-Fazit ziehen sieht es dennoch für den Vee Tire Crown Gem 27.5 x 3.8 nicht gut aus. Der Reifen hat praktisch keinen Sweet Spot, an dem sich komfortables Abrollen und gute, neutrale Lenkeigenschaften begegnen. Und genau gernommen beherrscht er auch keine der beiden Disziplinen wirklich gut. Seine top Performance im Single Trail sticht heraus, dürfte beim FATBike aber eher eine Nebenrolle spielen. Liegt’s am Format? Unsere Vermutung ist eher, dass der Crown Gem für schmalere 55-60mm Felgen optimiert wurde und auf 80mm Felgen ungünstig steht. Allerdings zeigt ihn die Abbildung auf der Vee Tire Page auf einer DT Swiss BR 710 Felge (80mm). Ähnliche Erfahrungen haben wir jedenfalls mit anderen Reifen gemacht, als wir noch auf 90mm Specialized Felgen unterwegs waren. Also ein Fehler in unserem Testaufbau? Vielleicht. Nur: es gibt leider kaum frei verfügbare 650b FAT Laufradsätz mit ca. 60mm breiten Felgen in Deutschland. Wir werden hier mal am Ball bleiben und zu gegebener Zeit einen Re-Test angehen.

Was bleibt?

Wir schauen mal weiter…

Wenn wir also festhalten, dass der Crown Gem zumindest mal mit 80mm Felgen inkompatibel ist, bleibt ein für uns ungewöhnliches Fazit: wir können diesem Reifen nicht so recht etwas abgewinnen. Für einen FATBike Reifen ist er ausgesprochen unkomfortabel, hat einen hohen Rollwiderstand und lenkt sich außerordentlich störrisch. Seine wirklich exzellenten Eigenschaften auf verwinkelten Trails können zwar extrem viel Spaß machen. Für eine gute Bewertung als FATBike Reifen reicht das allein aber nicht auch und er geht damit unserer Meinung nach ein Stück weit am Ziel vorbei. Für alle non-suspended-aua-das-muss-wehtun-Puristen und diejenigen, die versuchen, ihrem Fatty die Fahreigenschaften eines MTB aufzubügeln, ist der Crown Gem eine gute Wahl*. Alle anderen dürften für die FATBike-typischen Anwendungen mit anderen Pellen besser aufgehoben sein.
Vorsichtshalber weisen wir aber nochmal ausdrücklich darauf hin, dass der Crown Gem NICHT stellvertretend für das 27.5 FAT Format steht. Er hat einige konstruktive Besonderheiten, die ihn zum Besonderen unter den Besonderen machen. Wir testen hier weiter und werden berichten. Also, stay tuned!

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