Im heutigen Re-Test huldigen wir endlich mal wieder seiner Majestät, dem mächtigen Vee Tire Snowshoe 2XL. Unsere erste Audienz hatten wir immerhin schon im Oktober 2016 und so haben wir uns gefragt, ob sich der Souverän von FATLand denn inzwischen verändert hat. Und auch, ob wir ihm auch heute noch inbrünstig die nötige Ehre erweisen oder ob nicht doch inzwischen ein anderen Reifen nach dem Thron greift. Auch haben wir diesmal endlich eins der wenigen Bikes zur Verfügung, zwischen dessen zierlichen Kettenstreben man überhaupt einen Snowshoe 2XL gepresst bekommt: das Taiga des Finnischen Herstellers Pole (Test folgt demnächst!). Also haben wir die Chance bei den Hörnern gepackt und dem Vee Tire Snowshoe 2XL 5.05 2019 auf die Stollen gefühlt.

Ein Luftballon mit Zähnen

Luftballon mit Zähnen dran

Bevor wir uns in schwülstigen Lobhudeleien verlieren, starten wir erstmal mit einem nüchternen Blick auf nackte Zahlen. Denn eines ist mal klar: auch, wenn „Fünfkommnullfünf“ nach nicht viel mehr klingt als „Vierkommaacht“ – der Vee Tire SnowShoe 2XL ist riesig, ein Brocken, wie ein Luftballon mit Zähnen. Das Datenblatt öffnet sich mit einem Click auf diesen Link:

Click mich!

Gewicht ca. 1.950 Gramm
Breite (ohne Stollen) 125 mm
Höhe (mit Stollen) 122 mm
Höhe Mittelstollen 7 mm
Höhe Seitenstollen 8 mm
Anzahl Stollen 504
Karkasse 120 TPI, faltbar
TLR ja

Einen normalen vier/achter überragt der Vee Tire SnoeShoe 2XL in Breite und Höhe um je gut 1,5 bis 2cm und mehr als 500 Stollen sieht man auch nicht alle Tage. Das Gewicht darf als drastisch gelten und wird, zumindest im Bereich der Markenreifen, nur vom Vittoria Cannoli übertroffen. Dafür kann man den König, ein korrekt vorbereitetes Laufrad vorausgesetzt, auch ohne Schlauch aufpumpen. Ein kleiner Trost. Immerhin!
Insgesamt ändert sich auf der Datenseite zum ur-Modell also erstmal nichts.

Vee Tire SnowShoe 2XL – der Press Fit Reifen

Im Spacialized FatBoy dreht sich kein Rad…

Unser 2016er Test des Vee Tire SnowShoe 2XL hat ewig auf sich warten lassen und wäre beinahe ganz gescheitert. Denn: ein wahrer Herrscher nimmt nicht auf jedem Thron Platz. Und so haben wir lange kein Bike gefunden, in das die Walzen überhaupt passen. Dabei gilt eine einfache Faustregel: wenn du deinen Kopf zwischen die Kettenstreben stecken kannst, passt vielleicht auch der SnowShoe 2XL. Je nach Kopf. Aber Spaß beiseite. Nimm unsere Daten und schau dein Bike kritisch an, bevor du das Monster kaufst*.

So viel Platz wie im Pole Taiga sollte es schon sein…

Dabei ist oft gar nicht die Breite das Problem, viel mehr scheitert die Aufgabe an der enormen Bauhöhe. In den meisten Bikes raspelt sich der 2XL nach vorn und oben in den Hinterbau. Ähnliches gilt für die Gabel: in einer Rock Shox Bluto ist er tabu, nichts zu machen. In die Manitou Mastodon passt er, allerdings nur in der Mastodon XL Version* mit größerer Bauhöhe. Was die diversen Starrgabeln betrifft – jede ist anders, hier hilft nur messen und probieren!

Felgenwahl beim Vee Tire SnowShoe 2XL

Sitzt perfekt auf einer DT Swiss BR2250 Felge

Wir wurden nach dem ersten Vee Tire Snowshoe 2XL Test immer mal wieder gefragt, welche Felge man diesem Koloss eigentlich zwischen die Flanken legen sollte. Berechtigte Frage, aber die Antwort ist simpel: 80mm Standardfelgen arbeiten perfekt. Der 2XL ist sehr stabil und läuft auch bei halbem Druck eines durchschnittlichen vier/achter ohne abzuknicken. 100mm Felgen sind natürlich möglich und auch irgendwie sinnvoll, jedoch auch unnötig schwer und wirklich nicht notwendig. Von 63mm oder sogar weniger raten wir aber dringend ab.

Zur Sache, König!

Konzentrierter Blick beim Testride

Gut, genug Vorgeplänkel. Kommen wir zum Wesentlichen. Wie fährt es sich mit einem Reifen, nebem dem Dumbo aussieht wie ein Size Zero Model? Bereits unser erster Test hat uns hier in eine völlig neue Welt entführt, denn der 2XL saugt Hindernisse auf wie kein zweiter Reifen. Der niedrigen Betriebsdruck von ca. 0.35bar – was etwas mehr als 10% weniger als bei einem typischen vier/achter ist – und die zusätzliche Bauhöhe erzeugen ein wahrhaft royales Fahrgefühl. Dabei entkoppelt der Reifen Boden und Bike nicht, sondern gibt durchaus brauchbares Feedback zum Untergrund. Eine wichtige Eigenschaft wenn du es bergab mal wieder eilig hast. Viel mehr zieht er eine Extralage Komfort ein, wie eine kuschelige Decke. 

Keine Angst, der will nur spielen!

Wurzelteppiche verlieren so ihren Schrecken.

Allerdings eine Decke mit ordentlich Zähnen, denn die Traktion des 2XL ist in jeder Lebenslage überirdisch. Bevor die Traktion bergauf abreißt, fällst du nach hinten um. Bevor sie bergab oder beim Bremsen verloren geht, überschlägst du dich. Und bevor du in der Kurve den Grip verlierst, brauchst du eine frische Unterhose. Dieser Verdienst steht dabei gar nicht mal nur den mehr als 500 hohen, spitzen Stollen zu. Er ist vielmehr ein Ergebnis der Art, wie sich die Lauffläche auf dem Untergrund verteilt und förmlich um Hindernisse herumschlingt. Das funktioniert allerdings nur, wenn der Reifendruck niedrig genug ist. Wie alle FATBike Reifen verliert auch der Snowshoe 2XL bei zu hohem Druck deutlich an Grip. Einem 75kg Fahrer empfehlen wir 0.35 bar, pro 10kg Mehrgewicht ca. 0.1 bar mehr.
Beim Lenken ist 2XL ein echtes Vorbild, so weich, rund und zackig lassen sich nur wenig FATBike Reifen lenken. Autosteering haben wir selbst beim extrem flachen Lenkwinkel des Pole Taiga nicht feststellen können.

You wanna play, you gotta pay.

Haftvermittler: 504 äußert aggressive Stollen

Aber wie sagt man im angelsächischen Raum so schön? You wanna play, you gotta pay. Spielen kostet. Beim Vee Tire Snowshoe 2XL kostet der Spaß nicht nur üppig Geld, sondern auch Kraft. Denn schon allein die gut 2kg rotierende Masse – pro Reifen – zu Beschleunigen ist nicht direkt vergnügungssteuerpflichtig. Auch, die Fuhre in Bewegung zu halten, schlaucht ordentlich. Auf Dauer fühlt sich das so an als ob du eine Kiste Bier hinter dir her schleifst. Was ja erstmal schön wäre. Nur leider ist da eben keine Kiste. Eine Ausnahme sind Ausritte im Schnee. Hier hilft der enorme „Float“, also der Fähigkeit des Reifens sich AUF dem Schnee zu halten statt einzusinken. Das spart auf Dauer durchaus Kraft.

Schnell weg! Die Stollen verschwinden je nach Belastung und Untergrund rasend schnell.

Außerdem verschleißt der 2XL auf harten Untergründen derart schnell, wie wir es von keinem anderen FATBike Reifen kennen. Die aggressiv geformten und kleinflächigen Stollen arbeiten sich vor allem an den Kanten schnell ab. Wenn du damit eine Passstraße rauf kurbelst kannst du regelrecht zuschauen, wie der König kleiner wird. Unser Tipp: bleiben lassen und im Sommerurlaub auf einen anderen Reifen ausweichen!

Was bleibt?

Schnee oder Gras, wen kümmert das?

Am Vee Tire SnowShoe 2XL ist alles extrem. Die Maße, der Rollwiderstand, das Gewicht, die Traktion und auch der Preis. Mit einem Listenpreis von 159,- Euro* zieht die helle Pure Silica Variante (139,- in schwarz) nicht nur in den Schnee eine beachtliche Furche, sondern auch ins Konto. Aber all das tut unserer kindlichen Begeisterung für diese knuffigen Pellen keinen Abbruch. Der 2XL ist, besonders im Winter die Referenz in einer Klasse, in der es im Grunde nicht mal Mitbewerber gibt. Wenn er ins Bike passt und Schnee bzw. Schlamm ein Thema ist, dann rein damit! Im Sommer musst du bereit sein, den Mehrwert mit hohem Verschleiß und einem deutlichen Verlust von Agilität zu bezahlen. Aber Monarchie war eben noch nie billig. Wer sich, trotz der gebotenen Nachteile, einen oder zwei Könige kaufen möchte, kann das natürlich hier tun*
Wir enden dann jedenfalls auch diesmal in tiefer Ehrerbietung. FAT lebe der König!

*Partnerlinks sind, wie immer, mit „*“ gekennzeichnet, 

9 Responses

  1. Oli

    Hallo Matt, sehr spannender Bericht. Ich freue mich schon auf Euer Feedback vom Pole Taiga. Definitiv ein cooles Fatty und gespannt was Ihr zum langen Radstand meint.
    Beste Grüsse
    Oli

    Antworten
  2. Karsten

    Hallo Matt, ein gelungener zweiter „Blick“ über den 2XL. Ich fahre ihn auf einem 2016er Kona Wo vorne, hinten arbeite ich an verlängerten Dropouts. Auf ein Kona Wo 2018er passt er vorne und hinten. Den Druck fahre ich um einiges niedriger: Festgefahren Schwede je :0,25 bar, Tiefschnee : 0,18-0,2 bar. Jetzt im Frühjahr 0,25. Immer fahrstabil, kann jederzeit, Z. B. über geeggte Felder, Neuschnee, Wiesen, etc. freihändig fahren. Auf Schnee ist die Traktion so gut, dass auch Stoppies kein Problem sind. Abfahrtspisten runter eine Sonne, Tiefschnee: warum nicht. Ab ca. Schrittgeschwindigkeit floatet der Reifen. Erhöhter Rollwiderstand, ja minimal (bin sonst SnowAvalanche gefahren), auch ein super Reifen, aber eben nicht so ein Sänfte wie der 2XL. Ansonsten : macht weiter so. Gruß Karsten

    Antworten
    • Matt

      Hi Karsten,

      danke für Deinen Kommentar und den Erfahrungsbericht. Sehr hilfreich! Bzgl der Dropouts – wenn Du da was fertig hast, würdest Du Dich dann mal melden bitte? Klingt sehr spannende! Gern auch per Mail Matt@FAT-Bike.de

      Danke und FATte Grüße

      Matt

  3. Peter Dworak

    Sehr guter Bericht !

    fährt sich vielleicht die schwarze Mischung/Reifen eine Spur weniger schnell ab ?
    Kann das sein ?

    Antworten
    • Matt

      Hi Peter,

      danke für den Kommentar und Dein Lob. Grundsätzlich ist die schwarze Mischung etwas härter und damit haltbarer. Wir sind da gerade noch an einem Nachtrag dran. Allerdings ist der Unterschied in der Haltbarkeit nicht riesig, weil auch die Form der Stollen sehr verschleißanfällig ist. ABER – wer nicht oder nicht oft steile Anstiege mit harten Untergründen bezwingen muss, kommt insgesamt besser weg. Der 2XL verschleißt erheblich schneller als andere Reifen – nur während die beim auf-dem-Waldweg-rollen so gut wie garnicht verschleißen, lässt der 2XL ein klein wenig Gummi liegen. Hält dann aber immer noch eine ganze Weile. Der Einsatz ist hier sehr wichtig.

      FATte Grüße

      Matt

  4. Bernd Matzke

    Servus,

    vielen Dank für den interessanten Bericht.

    Habt Ihr evtl. eine Empfehlung für den besten Allround-Reifen.
    Also relativ geringes Eigengewicht, guten Grip auf Schnee und im (Sommer) Trail, gutes Rollverhalten und wenig Selfsteering und natürlich lange Lebensdauer. Quasi die eierlegende Wollmilchsau unter den Fatbike-Reifen.
    (Jetzt nicht lachen)
    Welcher Reifen käme, Eurer Meinung nach, dem am nächsten?

    FATte Grüße
    Bernd

    Bernd

    Antworten
    • Uwe Trettin

      Maxis Minion in 4,8 ….
      Aber beachten—- der braucht entsprechend zum Untergrund bzw Fahrergewicht auch einen jeweils angepassten Druck. Gruß Uwe

    • Bernd

      Danke Dir Uwe,

      die „Minions“ fahre ich im Moment.
      Sind auch meine Favoriten derzeit.
      Mit dem Luftdruck stimme ich Dir voll und ganz zu.

      Gruß Bernd

    • Matt

      Hi Bernd,

      was Du suchst klingt nach dem Surly Edna. Meiner ganz persönlichen Meinung nach genau das: die eierlegende Wollmilchsau. Fahre ihn seit dem Test auf meinem Mondraker und der Reifen ist einfach Sahne. Hier der Test: https://www.fat-bike.de/surly-edna-im-test/

      FATte Grüße

      Matt

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