Eiskalt gewonnen: Yukon Arctic Ultra Gewinner Flori berichtet von seinen Erfahrungen!

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Selfi: Flori und sein Jagamoasta. (Quelle: Flori)

Selfi: Flori und sein Jagamoasta. (Quelle: Flori)

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Das Rennen ist vorbei und der Montane Yukon Arctic Ultra Gewinner 2016 ist Flori Reiterberger. So könnte man es zusammenfassen. Machen wir aber nicht, denn diese Geschichte ist einfach zu geil, um nicht erzählt zu werden! Nach seiner Rückkehr haben wir uns mit dem sympatischen Ur-Bayern auf ein paar Bier getroffen und darüber gesprochen, wie sich absolute Einsamkeit anfühlt, wie man schnelle Entscheidungen trifft, wie man mit der Eintönigkeit der nächtlichen Eiswüste umgeht und warum das MYAU dennoch ein fantastisches Erlebnis war. Und natürlich darüber, wie sich der Maxx Huraxdax Arctic Setup bewiesen hat!

Acht Checkpoints und ein Ziel

Da kriegt man schon vom anschauen kalte Füße... (Quelle: derekcrowe.photo/MYAU)

Da kriegt man schon vom anschauen kalte Füße… (Copyright: derekcrowe.photo/MYAU)

Zuerst wollten wir mal wissen, wie dieses Rennen eigentlich abläuft. Und im Grunde ist alles ganz einfach: es gibt den Start, acht Checkpoints und ein Ziel (Karten findet ihr hier). An den meisten Checkpoints gibt es Verpflegung und teilweise auch die Möglichkeit, sich auszuruhen und eine heiße Dusche zu nehmen. Wofür die gut ist – da kommen wir noch zu! Außerdem besteht die Möglichkeit, an den Checkpoints seine sogenannten „Drop Bags“ zu tauschen – bis zu drei mal darf man verbrauchtes Gepäck gegen frisches tauschen.

Ansonsten haben die Checkpoints aber eher die Aufgabe von Landmarken – dort kann man anhalten, muss man aber nicht. Das dachte sich Flori auch und hat die ersten beiden Checkpoints direkt mal am Stück weggeschnupft. Sein Ziel: durchfahren bis zu Checkpoint drei. Man gönnt sich ja sonst nichts!

Die Eintönigkeit der Strecke lässt dich verzweifeln…

Da ist nichts... (Copyright: derekcrowe.photo/MYAU)

Da ist nichts… (Copyright: derekcrowe.photo/MYAU)

Was es bedeutet, dieses Rennen zu bestreiten, ist schwer zu begreifen wenn man es nicht selbst gemacht hat. 480 Kilometer mit im Schnitt 12-15km/h abzuspulen während dir die totale Einsamkeit, die extremen Bedingungen und die völlig ungewohnte Umgebung fünf Tage lang Körper und Hirn aussaugen. Oder, um es mit Flori zu sagen: „Die Wölfe und die Coyoten sind das geringste Problem – die waren nur neugierig und haben geschaut was ich bin!„. Klingt irgendwie fast schon beruhigend.

Schlimmer ist die Eintönigkeit. Die erste Etappe führte Flori satte 17 Stunden am Stück Richtung Norden. Die meiste Zeit davon fährt man im Dunkeln, der SON Nabendynamo erzeugt in stoischer Gelassenheit Strom und die SON LED Lampe wandelt diesen in überlebenswichtiges Licht um. Nur: das war’s dann auch schon mit der Unterhaltung. Und wenn dir sogar die Themen für Selbstgespräche ausgehen, wirds ziemlich langweilig. Flori hat uns erzählt, dass das Hirn irgendwann quasi auf Stand By schaltet und man regelrecht auf Autopilot durch die Nacht strampelt. Nach gut 150km am Stück ist Flori dann selig eingeschlafen. Auf seinem Bike. Und erst, als ihn eine ganze Weile später (ging ja nur geradeaus…) ein Busch zu Fall gebracht hat, hat er sein Zelt aufgebaut und den Schlafplatz auf dem Bike gegen seinen Schlafsack getauscht.
Und kennt Ihr das? Man liegt gerade im Bett und plötzlich klingtelts an der Tür? Braucht kein Mensch, klappt aber sogar mitten im Nirgendwo. In Floris Fall war es Derek Crowe, der offizielle Fotograf des Montane Yukon Arctic Ultra, der mit seinem seinem Skidoo auf Stippvisite vorbei kam und dieses legendäre Foto geschossen hat:

Wer stört?!? (Copyright: derekcrowe.photo/MYAU)

Wer stört?!? (Copyright: derekcrowe.photo/MYAU)

Die Fahrt durch die Einsamkeit ist aber auch psychisch sprichwörtlich nichts für schwache Nerven. Die zweite Etappe führte Flori über endlos lange zugefrorene Seen. Die einzige Abwechslung, die man dort in der Nacht hat, sind ein paar Schneehasen (leider nicht die in knallenge Skianzüge gepressten Versionen die man von Apres Ski Parties kennt, sondern diese kleinen fusseligen Dinger…) die durch den Lichtkegel der Lampe flitzen. Ansonsten ist da nichts, was den blassen Lichtkegel kreuzt – kein Baum, kein Strauch. So lösen sich irgendwann alle Bezugssysteme auf. Du weißt nicht mehr, wo du bist, wann du bist, was du bist. Und irgendwann verzweifelst du daran – nach bis zu 18km langen Eisflächen hast  nur noch einen Gedanken: irgendwann muss ich doch mal ankommen?!? Wenn dann nach der lang ersehnten Kurve (dort müsste doch der Checkpoint sein!) der nächste 10km lange See kommt, dann ist das wie ein Schlag ins Gesicht…

Einer dieser endlosen Seen... (Quelle: Flori)

Einer dieser endlosen Seen… (Quelle: Flori)

Du musst dich entscheiden – schnell!

Okay, das haben wir schonmal verstanden: ein Spaziergang ist das nicht. Aber apropos „Spaziergang“: die mit Abstand meisten Teilnehmer des Montane Yukon Arctic Ultra sind Läufer. Und in der Regel sind die schneller als die (wenigen) Biker. Da es aber in der 300 Miles Klasse keine getrennten Wertungen gibt musste sich Flori auch gegen die zähen Läufer durchsetzen…

Eingekeilt... (Copyright: derekcrowe.photo/MYAU)

Eingekeilt… (Copyright: derekcrowe.photo/MYAU)

Dabei kommt es unterwegs immer mal zu Situationen, in denen man als Teilnehmer Entscheidungen treffen muss, die – so theatralisch das jetzt auch klingt – über Leben und Tod entscheiden können. Flori hatte dieses zweifelhafte Vergnügen als er mitten in der Nacht mit dem Vorderrad in einen der gefürchteten Blow Outs (eine Wasserblase unter dünnem Eis) eingebrochen ist. Und er hatte noch Glück: ein Überschlag, bei dem man als Fahrer komplett ins Eis einbricht, blieb ihm bei -30°C Grad zum Glück erspart… Beim Versuch, den Vee Tire Snow Shoe 2XL aus dem Eis zu zerren, brach er jedoch mit beiden Füßen durch das Eis, so dass sich auf den (zum Glück wasserdichten) Schuhen in kürzester Zeit ein mehr als 10cm dicker Eispanzer gebildet hat. Was nun? Zurück zum letzten Checkpoint? Immerhin kennst du da die Strecke. Oder erstmal ein Feuer machen und versuchen, die Schuhe zu trocknen? Oder einfach weiterfahren, ohne so richtig zu wissen, wie es weitergeht? Jede Entscheidung kann drastische Folgen haben – man muss abwägen…

Der rettende Checkpoint am Ken Lake (Copyright: derekcrowe.photo/MYAU)

Der rettende Checkpoint am Ken Lake (Copyright: derekcrowe.photo/MYAU)

Nur eins hat man dabei nicht: Zeit zum Nachdenken. In der extremen Kälte kühlt man rasend schnell aus. Bleibt man zu lange stehen, kann man in kürzester Zeit erfrieren. Es muss also weitergehen, man muss eine Entscheidung treffen und das schnell. Garnicht mal so einfach, wenn sich so ganz nebenbei dieser schreckliche Gedanke in dein Hirn bohrt: du bist hier draußen wirklich vollkommen allein, es ist Nacht, dein SOS Pager bringt dir frühestens nach Sonnenaufgang Hilfe und du bist, egal wie schlimm es wird, komplett auf dich allein gestellt. Darauf, auf diese extreme psychische Belastung, so hat uns Flori berichtet, kannst du dich nicht vorbereiten.

Trocknet selbst im Yukon nasse Füße! (Quelle: Flori)

Trocknet selbst im Yukon nasse Füße! (Quelle: Flori)

Flori hat die Option „weiterfahren“ gewählt und versucht, in Schiebepassagen durch Laufen die Füße aufzuwärmen. Bis auf ein paar kleinere Erfrierungen (O-Ton Flori „…das konnte ich reparieren!„) ist sein Plan auch gut ausgegangen. Am nächsten Checkpoint gabs dann die oben erwähnte heiße Dusche und eine mehrstündige Pause am Lagerfeuer. Man hätte auch drin schlafen können, aber ein waschechte Montane Yukon Arctic Ultra Gewinner entspannt am besten im Feuerschein!

Die Kälte ist unberechenbar!

Kalt draußen? (Quelle: Flori)

Kalt draußen? (Quelle: Flori)

Zeit zum Reagieren spielt übrigens auch noch an einer andere Stelle eine wichtige Rolle. Eiswinde können innerhalb weniger Meter drastische Temperaturstürze verursachen. Oder wie Flori es so schön formulierte: „Da fährst du so vor Dich hin, es ist gerade mal 15 oder 18 Grad unter Null, also gar nicht wirklich kalt. Und dann kommst du um eine Kurve und plötzlich ist es 20 Grad kälter! Da musst du sofort die Schotten dicht machen!„. In diesem Fall waren es knackige -39°C Grad, der Temperatursturz passierte innerhalb etwa fünf Metern und Flori hat nur dank schneller Reaktion und seines Buff Tuchs Schlimmeres verhindern können. Anders als sein Mitstreiter Tim, der seinen Gesichtsschutz nicht schnell genug zu Hand hatte und dessen Bronchien innerhalb weniger Atemzüge eingefroren sind.
Tim geht es wieder besser, vor Ort war jedoch eine ärztliche Behandlung unter anderem mit Antibiotika nötig, um den Schaden einzugrenzen. Nein, es ist nicht übertrieben… Es geht da draußen wirklich um Leben oder Tod…

Wie geil ist das denn!

Kontrahenten, und doch ein Team! (Copyright: derekcrowe.photo/MYAU)

Kontrahenten, und doch ein Team! (Copyright: derekcrowe.photo/MYAU)

So, bevor wie eine kleine Pause machen – alles zu Bike, Ausrüstung und Floris heroischem Zieleinlauf schreiben wir im zweiten Teil dieses Artikels – wollen wir aber mal Kälte, Lebensgefahr, Einsamkeit und Stress beiseite schieben und, bevor ihr noch einen falschen  Eindruck bekommt, über die schönen Seiten sprechen. Flori hat uns die ganze Story mit einem breiten Grinsen im Gesicht erzählt – ein gutes Zeichen! Gleich am Anfang sprachen wir über die Natur, und Flori hat mit leuchtenden Augen von tausende Metern hohen Bergen erzählt, von strahlendem Sonnenschein über den endlose Weiten des Yukon, von Elchen, Wölfen und Bisons und natürlich Schneehasen.

Einfach nur schön... (Copyright: derekcrowe.photo/MYAU)

Einfach nur schön… (Copyright: derekcrowe.photo/MYAU)

Aber beim Montane Yukon Arctic Ultra geht es vor allem um die kleinen Dinge. Sportsgeist und Fairness, zum Beispiel. Das ist kein Spielplatz für Egomanen, trotzdem es ein Rennen ist, findet man immer wieder Zeit, auf andere zu warten oder sich um andere zu kümmern. So bekommt man mitten in der Einsamkeit ein besonderes Gefühl der Zusammengehörigkeit.

Und selbst noch kleinere Kleinigkeiten wachsen zu echten Highlights. Einen Pott voll heißem Kaffee am Checkpoint, zum Beispiel, lernt man nach zig Stunden in eisiger Kälte erst richtig zu schätzen. Und eines der absoluten Highlights für Flori war die Gastfreundschaft der Menschen im Yukon. Man ist immer willkommen und egal, wie abgelegen die Gegend auch ist – es gibt immer volle Unterstützung und was zum beißen. Und so war, was wir aus dem Gespräch heraus gehört haben, eines der großartigsten Erlebnisse während des Rennens eine riesige Schüssel Bisongoulasch, die sich Flori nach drei Tagen Expeditionsnahrung reingeschaufelt hat.
Da haben wirs wieder: froh zu sein bedarf es wenig!

Übrigens: wer jetzt meint, Flori wäre ein Natur-Junkie, hat absolut recht! Denn das erste, was er nach seiner Rückkehr gemacht hat, war eine Skitour in seinen Heimatbergen!

Was bleibt?

Da weiß er noch nichts von seinem kommenden Erfolg! (Copyright: derekcrowe.photo/MYAU)

Da weiß er noch nichts von seinem kommenden Erfolg! (Copyright: derekcrowe.photo/MYAU)

Naja, das war’s erstmal – für heute! Wir haben schonmal viel gelernt über eines der extremsten Events von denen wir je gehört haben. Und wir haben einen sympatischen und absolute bodenständigen Montane Yukon Arctic Ultra Gewinner kennengelernt, der uns nicht nur mit seiner Leistung, sondern auch mit seiner Einstellung beeindruckt hat.
Im nächsten Artikel erzählen wir Euch dann alles über das Bike, die Ausrüstung und geben Tipps von Flori, wie sich die, die sich jetzt denken „Geil, will ich auch machen!!!“ am besten vorbereiten können. Und wir berichten vom fulminanten Zieleinlauf des wohl ersten Montane Yukon Arctic Ultra Gewinner auf einem FATBike.
Also stay tuned, das wird nochmal spannend!

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