Der große FATBike Reifen Test

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Wir haben FATBike Reifen getestet und für „gut“ befunden. Oder?

Auf gehts!

Auf gehts!

Am letzten Wochenende hieß es endlich: Gib Gummi! Der große FATBike Reifen Test von FATBike-Transalp stand auf dem Programm. 4 Bikes. 4 Reifensätze. 4 kritische Tester. Und 4 Ergebnisse!
Wir hatten die Reifensätze schon beim Fatbike Jam im Harz ausgestellt und das Interesse war riesig! FATBikes sind ein eher neues Thema und FATBike Reifen kommen erst 2015 einigermaßen flächendeckend auf den Markt. Umso mehr hoffen wir, nun ein wenig Licht ins Dunkel der FATBike Reifen zu bringen. Denn: dieser Test dürfte der erste seiner Art in Deutschland sein!

Aber erstmal heißt es Danke sagen! Nämlich an die deutschen Distributoren Cosmic Sports, Kenda Europe, Schwalbe und Specialized Deutschland, dank deren freundlicher Unterstützung Surly Bud und Lou, der Kenda Juggernaut Sport 4.5, Schwalbes Jumbo Jim in der 4.8 LightSkin Version und der Spezialized Ground Control 4.6 zum FATBike Reifen Test antreten.

Hier schonmal ein paar Eckdaten zum Vergleich:

Kenda Schwalbe Specialized Surly
Breite* (cm) 10,8 11,1 10,9 11,4
Höhe* (cm) 10,5 11,1 9,9 11,4
Gewicht (Gramm) 1565 1180 1500 1590
Karkasse 60tpi/falt 120tpi/falt 120tpi/falt 120tpi/falt
Anzahl Stollen vo/hi 512 384 676 280/456
Höhe Mittelstollen (mm) 5 4 5 7
Abrolllautstärke + o o
Rollwiderstand ++ + o
UVP in EUR folgt 99,- 99,- 149,-
*) Maße der frisch montierten Reifen auf 90mm Specialized Felgen. Höhenangabe incl. Felge!

Und die gute Nachricht nehme ich gleich vorweg: alle getesteten FATBike Reifen haben in Summe mindestens eine gute Performance abgelegt und taugen als Begleiter auf Euren Bikes. Allerdings sind die Stärken und Schwächen durchaus individuell und nicht jeder FATBike Reifen taugt uneingeschränkt für jeden Einsatz.

Super FAT und verfügbar

Warum wir gerade diese Reifen ausgewählt haben ist schnell erklärt. FAT (bis 4.0) und SuperFAT (>4.0) Reifen gleichzeitig zu testen hätte unsere Möglichkeiten überschritten – wir waren so schon einen ganzen Tag beschäftigt. Also haben wir uns entschieden, hier zu trennen und uns erstmal Reifen der Schwergwichtsklasse über 4 Zoll anzusehen. Reifen bis 4 Zoll kommen später dran.

Reifensandwich: ein Scheibchen "Niner" zwischen zwei Lagen FAT.

Reifensandwich: ein Scheibchen „Niner“ zwischen zwei Lagen FAT.

Und es war uns wichtig FATBike Reifen zu testen, die auf dem deutschen bzw. deutschsprachigen Markt in 2015 auch eine Rolle spielen werden – sei es, weil sie entweder als Erstausrüstung auf hier offiziell angebotenen (also keine Eigenimporte) Bikes montiert oder im Zubehörhandel verfügbar sein werden. Dieser Punkt ist laut der Distributoren für alle unsere Testkandidaten gegeben.
Übrigens! Dank unserer Zusammenarbeit mit FatBike24.de* können wir Euch Direktlinks auf den Shop setzen. Alle diese Partnerlinks im Text sind mit „*“ gekennzeichnet!

Der Test – was denn nun?

Um an vier Testbikes mit ähnlichem Grundsetup zu kommen, haben wir uns zwei weitere Specialized FatBoy Expert besorgt und an jedes einen Satz frisch ausgepackte Testreifen gepflanzt.

Harter Tester-Alltag...

Harter Tester-Alltag…

Der staubtrockene Teil: erstmal haben wir gemessen (Breite und Höhe), gewogen und gezählt (Noppen).  Die Ergebnisse stehen in der Tabelle weiter oben.

Der nicht ganz so trockene Teil: Wir haben uns den Rollwiderstand angeschaut. In zig Testläufen auf einer abgemessenen Strecke unter vorgegebenen Bedingungen haben wir die Bikes einfach rollen lassen und dabei die Zeit gestoppt. Zugegeben… „Hoch wissenschaftlich“ ist etwas anderes. Aber die Ergebnisse ließen klare Tendenzen erkennen, die sich auch mit subjektiven Fahrtests decken: Jumbo Jim rollt am leichtesten, gefolgt vom Ground Control und Surly. Der Juggernaut lag hier etwas abgeschlagen hinten.

Flick schneller Piet! Wer nichts kaputt gemacht hat, hat nicht richtig getestet!

Pump schneller, Piet! Wer nichts kaputt gemacht hat, hat nicht richtig getestet!

Außerdem haben wir das Abrollgeräusch gemessen. Wem das jetzt wieder hilft? Hinter dem, was vielleicht wie eine Kaufempfehlung für Fetzer und Poser klingt, steckt für uns eine durchaus spannende Frage: rollen laute FATBike Reifen auch schwerer ab?
Irgendwie liegt die Vermutung nahe, denn irgendwo muss die Energie für den Schall ja herkommen. Aber wir wollten es genau wissen!
Um das rauszufinden, sind wir mit allen Bikes mit 30 km/h und in einem Meter Entfernung an einem Schalldruckmessgerät vorbei gefahren. Um den Messfehler möglichst gering zu halten haben wir am Ende den Mittelwert aus mehrere Testläufen genommen. Überraschendes Ergebnis: der lauteste Reifen (Kenda) lag im Mittel etwa 3dB(A) über dem Leisesten (Schwalbe) – klingt wenig, entspricht aber in etwa der doppelten Schallleistung! Und ist deutlich hörbar lauter.

Vorbeigerauscht: Nutter bei der Fahrgeräuschmessung

Vorbeigerauscht: Nutter bei der Fahrgeräuschmessung

Zugegeben: wer gern auffällt (was man uns FATBikern ja gern pauschal vorwirft…) kann das mit dem Juggernaut noch unterstützen!

Der spaßige Teil: auf unserer Teststrecke, die auf knapp 8km alles zu bieten hat – knackige Anstiege auf Asphalt und Trails, Forststraßen, verwinkelte Single Trails und Downhills von „straight & fast“ bis „rough & tough“ – haben wir den Reifen ordentlich auf die Sto llengefühlt. Dank des Regens der letzten Tage mussten die FATBike Reifen hier rundum zeigen, was sie drauf haben. Jeder unserer Testpiloten ist die Strecke mit jedem Reifen einmal abgefahren. Nicht nur die Reifen mussten an diesem Tag zeigen, was sie drauf haben…

Schieb an!

Schieb an!

Den Reifendruck haben wir auf gängige 0.4 bar vorn bzw. 0.5 bar hinten (außer bei Nutter, dem wir dank seiner 100kg Kampfgewicht jeweils 0.1 bar mehr in die Pellen gepumpt haben) gesetzt. Und weil mein Ruf als „Flat Matt“ ungeniertes Ausprobieren zulässt, habe ich nebenbei noch ein wenig mit den Drücken experimentiert um zu sehen, wie sich die einzelnen Reifen mit unterschiedlichem Druck fahren.

Fantastic Four: die FATBike Reifen Test Crew

Fantastic Four: die FATBike Reifen Test Crew

Apropos Tester: außer den üblichen Verdächtigen Schneid und mir waren noch unsere Kumpels Piet und Nutter mit am Start. Beide sind selbst noch nie FATBike gefahren, sind aber sehr erfahrene Biker: Nutter (benannt nach der „Nutter Butter“ Werbung auf seinem ersten GT Trikot) ist ein Downhill-Urgestein während Piet ein Spezialist für enge, verwinkelte Single Trails ist. Zusammen kommen wir auf entsetzlich!…. fast 100 Jahre Bikeerfahrung.
Und um möglichst objektiv zu einem Ergebnis zu kommen, war erstmal Redeverbot: während der Testfahrten wurde nicht über die Reifen gesprochen und jeder Fahrer hat nach jeder Runde einen Testbogen ausgefüllt. Und so waren wir uns am Ende auch längst nicht immer einig… Gut so!

Trommelwirbel! Die Ergebnisse.

Genug blabla – Butter bei die Fische! Hier unsere Testurteile! Die Reihenfolge ist übrigens alphabetisch und ist kein Hinweis auf „besser“ oder „schlechter“.

Kenda, Specialized, Schwalbe, Surly

Von links nach rechts: Kenda, Specialized, Schwalbe, Surly

 

Kenda Juggernaut Sport 4.5

Im Profil: Kenda Juggernaut 4.5 Sport

Unter einem Bar nicht ins Bett zu kriegen: Kenda Juggernaut 4.5 Sport

Mit seinen Maßen spielt der Juggernaut trotz formal „nur“4.5 Zoll fast auf Augenhöhe mit den 4.8 Zöllern im Test. Dabei ist der Durchmesser des Reifens etwas geringer als bei den anderen Kandidaten: der Juggernaut sitzt fest auf der Felge und rutscht erst bei knapp über einem Bar mit lautem „plopp“ ins Felgenbett.
Die Stollen sitzen auf Querstegen, die sich wie ein Exoskelett um die Karkasse legen. Die Seitenstollen sind etwas höher als die Stollen der Lauffläche. Zusammen mit den relativ dick gummierten Seitenwänden ergibt sich ein sehr steifer Reifen mit der besten Dämpfung im Test. Der Juggernaut läuft ruhig ohne sich aufzuschwingen. Der Federungskomfort leidet hier allerdings im Gegenzug deutlich: Unebenheiten schluckt der Juggernaut nur widerwillig. Auch ein leicht verringerter Reifendruck ändert das Fahrgefühl des Kenda nur wenig.
Die Traktion bergauf ist sehr gut und die Seitenführung in Kurven – auch dank der hervorragenden Dämpfung – stark. Die Bremsperformance des Juggernaut geht in Ordnung.

Kritik handelte sich der Kenda Juggernaut Sport 4.5 von allen Testern für seinen sehr hohen Rollwiderstand ein. Sowohl bei unserer Messung als auch nach subjektivem Empfinden unserer Testpiloten muss sich der Juggernaut in dieser Disziplin hinter seinen drei Testkollegen einreihen.
Seine ebenfalls deutlich ausgeprägte Neigung in Kurven abzukippen und der sehr hohe, aber dafür enge Grenzbereich verlangen erhöhte Aufmerksamkeit. Außerdem hatten wir beim Juggernaut zwei Durchschläge. Abhilfe schafft ein erhöhter Reifendruck. Presst man statt der 0,5 Bar etwa 0,7 Bar in den Juggernaut rollt er leicht und locker ab und verliert auch seine Neigung zu kippen.

Da der Fahrkomfort dabei im Gegenzug aber heftig leidet schreit der Juggernaut* förmlich nach einer zusätzlichen Federung. Mit der Kombi hoher Druck und Federung am Bike kann man es mit dem Juggernaut im Downhill dann aber ordentlich krachen lassen.

Schwalbe Jumbo Jim 4.8 LightSkin

Im Profil: Schwalbe Big Jim 4.8

Big Jim with small Nopps (oder wie das heißt): Schwalbe Jumbo Jim 4.8

Der Jumbo Jim ist in der LightSkin Variante ein ausgewiesener Leichtreifen. Ja, wir haben uns auch erstmal tot gelacht. Doch tatsächlich lässt er beim Gewicht alle andere Kandidaten weit hinter sich: schlappe 1180 Gramm bringt er auf die Waage und ist damit 300-400 Gramm leichter als der Rest.

Doch das Leichtgewicht ist alles andere als eine halbe Portion: mit satten 4.8 Zoll spielt Jumbo Jim nicht nur nominal sondern auch gemessen in derselben Größenklasse wie Surly Bud & Lou. Die Noppen sind relativ flach und klein und stehen weit auseinander auf der Karkasse. Wie beim Juggernaut sind auch hier die Schulterstollen etwas höher ausgelegt. Die Seitenwände sind nur dünn gummiert. Das alles zusammen macht den Big Jim LightSkin nicht nur zum mit Abstand leichtesten Reifen im Test, sondern sorgt auch bei Rollwiderstand und Komfort für zufriedene Gesichter.
Der Rollwiderstand deckt sich übrigens wieder mit unseren Fahrgeräuschmessungen: hier war Jumbo Jim der Leisetreter unter den FATBike Reifen.

Sowohl die Federung als auch Dämpfung sind hervorragend, sprich: der Jumbo Jim rollte weich über Wurzeln und Steine ohne sich dabei aufzuschwingen.
Dabei macht etwas weniger Druck den Reifen noch komfortabler. Doch auch mit höherem Druck ist Jumbo Jim noch sehr angenehm zu fahren. Das Einlenkverhalten ist dabei sehr homogen und wir konnten keine nennenswerte Kippneigung feststellen.
Das geringe Gewicht sorgt vor allem beim Beschleunigen und Lenken für hohe Agilität. Allerdings führt der schlanke Aufbau auch zu geringeren Reserven bei Durchschlägen: der Jumbo Jim war neben dem Kenda der zweite Reifen, der während des harten Tests einen Durchschlag hinnehmen musste.

Bremsleistung, Vortrieb und Seitenführung sind gut, hier setzen aber die verhältnismäßig kleinen Noppen irgendwann Grenzen. So lange es trocken ist, liegen diese Grenzen weit oben, im Schlamm und auf feuchten Untergründen kann Jumbo Jim* nicht ganz mit Surly oder Specialized mithalten.

Specialized Ground Control 4.6

Im Profil: Specialized Ground Control 4.6

Stachelschwein: Specialized Ground Control 4.6

Obwohl der Ground Control 4.6 nominal eigentlich nur knapp unter den 4.8 Zöllern von Schwalbe und Surly liegt und sogar größer sein müsste als der Kenda Juggernaut, ist er der mit Abstand flachste FATBike Reifen im Test. Mit rund 10 Zentimetern Vergleichsmaß (incl. Felge) ist er zwar nicht wirklich ein Flachmann, ihm fehlt aber immerhin gut 1cm Höhe zu seinen Kollegen. Seine Noppen sind kräftig und breit, wobei sich insbesondere die, auch hier wieder etwas höheren, Schulterstollen sehr weit in die Reifenflanke abstützen. Resultat: der Seitenhalt ist enorm, Bremsleistung und Traktion sind hervorragend.
Der Rollwiderstand ist gering, trotz großer Noppen rollt der Ground Control auf Asphalt und im Gelände leicht. Das hohe Niveau von Jumbo Jim erreicht er dabei aber nicht.
Der Komfort des Ground Control 4.6 hat uns im Testsetup nur mittelmäßig überzeugt – hier kann man jedoch mit etwas weniger Druck eine deutliche Verbesserung erzielen.
Die oft kritisierte Kippneigung des Ground Control konnten wir in unserem Test nur in geringem Maß feststellen: zumindest bei den für den Test verwendeten Drücken lenkt der Ground Control gleichmäßig und neutral ein. Analog zum Komfort nimmt aber auch die Kippneigung (und wegen der geringen Höhe auch die Anfälligkeit für Durchschläge) bei abnehmendem Druck deutlich zu.

Kritik gab es bei der Dämpfung: die Karkasse dämpft Schwingungen nur wenig ab, wodurch der Ground Control im Direktvergleich mit den übrigen Reifen weniger präzise wirkt und stärker zum Springen neigt. Außerdem gab es immer wieder „Gummikette“: der von uns schon während der FATBike Transalp beobachtete und liebevoll „Gummikette“ getaufte Effekt bedeutet, man tritt gefühlt je 1/4 Pedalumdrehung ins Leere um dann auf der nächste 1/4 Umdrehung die gesammelte Kraft zu übertragen. Fühlt sich an wie eben eine Kette aus Gummi.
Wir vermuten die Ursache in einer Resonanz zwischen Karkasse und Tretbewegung, bei der sich die Karkasse leicht in Fahrtrichtung aufschwingt. Meistens kann man den Effekt mit einem anderen Gang oder höherem Reifendruck eliminieren. Dennoch lohnt es sich beim Ground Control auf jeden Fall, selbst ein wenig mit dem Reifendruck zu experimentieren um das eigene Optimum zu finden.

Surly Bud & Lou

Im Profil: Surly Lou

Mehr Stollen als eine Sächsische Weihnachtsbäckerei: Surly Lou

Langsstreifen machen schlank? Unsinn! Sie machen FAT!

Längsstreifen machen schlank? Unsinn! Sie machen FAT!

Mit Bud (vorn) und Lou (hinten) schickt Surly zwei absolute FATBike Urgesteine ins Rennen. Die beiden haben sich schon ihren Weg über Schnee und Schlamm gebahnt als wir Mitteleuropäer uns noch über unsere „fetten“ 2.35er Downhillschluffen gefreut haben… Und es sind die Stollenkönige – mit 7mm sind die Stollen fast doppelt so hoch wie am Jumbo Jim.
Als einziger Reifen im Test teilen sich Bud und Lou die Arbeit und wurden jeweils für den Einsatz an Bug und Heck optimiert. Man kann beide Reifen entweder vortriebs- oder lenkungsoptimiert montieren. Wir haben uns für die auf Lenkverhalten optimierte „Cornering“ Variante entschieden.
Die relativ dicht stehenden Noppen sind bei beiden Reifen sehr groß, hoch und stark dreidimensional ausgeprägt. Anders als bei allen anderen Reifen sind die Schulterstollen nicht höher ausgelegt.
Am sehr aufwändigen Profil erkennt sofort, dass trockener Untergrund in ihrer Heimat Minnesota eher selten ist…
Trotz des – auch, wenn die Verpackung was von „Ultralight Chasing“ faselt – höchsten Gewichts im Test zeigt sich der Rollwiderstand unerwartet gering, auch wenn bei der Agilität beim Lenken und Beschleunigen aufgrund des Gewichts naturgemäß Abstriche gemacht werden müssen. Dabei ist der Fahrkomfort hoch: sowohl Federung als auch Dämpfung sind gut.
Bud & Lou sind sehr druckempfindlich: bereits bei 0.1 bar weniger Reifendruck mausern sie sich von „gut“ zu „super komfortabel“ – ohne dabei spürbar Reserven zu verlieren. Anders herum werden sie mit 0.1 bar mehr auf den Hüften sehr unnachgiebig. Hier raten wir beim Reifendruck genau hinzuschauen, vor allem an ungefederten Bikes.
Die Lenkperformance des Vorderreifens Bud ist – ein Ergebnis der ausgeprägten Längsnoppen – enorm stark. Er läuft sprichwörtlich wie auf Schienen. Leider bremst er auch wie auf Schienen… Bud blockiert vorallem auf rutschigen Untergründen bereits sehr früh und überträgt in der „Cornering“ Montagevariante verhältnismäßig wenig Bremskraft. Mit viel Gefühl am Bremshebel bleibt er aber dank der riesigen Stollen zumindest noch steuerrbar – wenn man doch mal unfreiwillig mit Highspeed den Hang runterballert.
Im Gegenzug dazu bietet Lou am Heck fast grenzenlosen Vortrieb, egal wie nass der Untergrund ist.

Dank stabiler und dick gummierter Karkasse haben Bud* und Lou* die größten Reserven aller getesteten Reifen bei Durchschlägen und glänzen mit sehr guter Dämpfung beim Überfahren von Hindernissen. Mit keinem anderen Reifen kann man so rücksichts- und doch schadlos Treppenpassagen rauf fahren. In Längsrichtung gab es allerdings ab und an Schwächen in der Dämpfung, die der jeweilige Testfahrer mit dem lauten Ausruf „Gummikette!!!“ quittiert hat.

Was bleibt?

And the Winner is…

…uns total egal. Dass es „DEN“ Reifen nicht gibt haben wir schon allein daran gesehen, wie lange wir diskutiert haben, um zu einem gemeinsamen Fazit zu kommen. Jeder Reifen hat Stärken und Schwächen, der Fahrer muss entscheiden, was er braucht. Wir versuchen, Euch dafür ein paar Anhaltspunkte zu geben!

Der Kenda Juggernaut Sport 4.5 glänzt mit starker Seitenführung, Dämpfung und Traktion, findet aber bei Rollwiderstand und Federung nicht den Anschluss ans Testfeld. Da er auch noch etwas mehr Druck braucht empfiehlt er sich unserer Meinung nach vor allem für (voll)gefederte FATBikes, welche eher im Downhill bewegt werden.

Der Specialized Ground Control 4.6 ist ein sehr guter Allround Reifen, der mit rundum sehr guten Traktionswerten und geringem Rollwiderstand überzeugt. Die ausgeprägten Noppen sorgen auch bei feuchten Untergründen für hohe Reserven, egal in welche Richtung Traktion benötigt wird. Die Federung liegt im Mittelfeld, seine Schwäche ist die geringe Dämpfung. Der Fahrer muß auf schnellen Passagen mehr arbeiten um den Ground Control 4.6 unter Kontrolle zu behalten.
Der Ground Control ist eine gute Wahl für lange Touren mit durchaus schwerem Gelände, Schlamm, Steinen und Schnee.

Schwalbes Jumbo Jim 4.8 hat sich ebenfalls als hervorragender Allrounder gezeigt, der mit sehr geringem Rollwiderstand und hohem Fahrkomfort glänzt. Unserer Meinung nach kommt er am nächsten an einen normalen Mountainbike Reifen heran, was sich auch am neutralen Einlenkverhalten zeigt. Vor allem auf festen Untergründen überzeugt uns die Traktion. Die geringere Durchschlagssicherheit erfordert Aufmerksamkeit. Oder höheren Reifendruck.
Für uns ist Jumbo Jim der Reifen für alles, was schnell ist. Schnelle Touren, schnelle Abfahrten, schnell mal in’s Cafè.

Surly Bud und Lou. Wir sind bekennende Fans der beiden Urgesteine, welche zusammen mit dem legendären Surly Endomorph die Urväter heutiger FATBikes Reifen sind. Aber die Söhne sind erwachsen geworden. Und so wirken Bud und Lou wie aus einer anderen Zeit. Sie sind die Reifen fürs Grobe, wenn nichts mehr geht. Der ausgezeichnete Vortrieb, die enorme Lenkperformance und der starke Seitenhalt bringen einen weit raus in die Wildnis. Dafür zahlt man mit hohem Gewicht, bestenfalls mäßiger Bremsleistung am Bug und sehr viel Geld: mit satten 149,- Euro das Stück UVP dürften Bud und Lou häufig eine Herausforderung für die persönliche Schmerzgrenze sein.

Die größte Herausforderung ist jedoch die Verfügbarkeit der Reifen. Aktuell ist außer dem Specialized Ground Control kein Reifen (mehr oder weniger) problemlos in Deutschland erhältlich. Vor allem nach den Gesprächen, welche wir mit anderen FATBikern während des Fatbike Jam hatten, können wir nur hoffen, dass die Bikebranche hier in 2015 endlich ihre Hausaufgaben macht und auf den Bedarf der Kunden reagiert.

Und hier zum Abschluss noch ein kleines Video vom Testtag!

22 Responses

  1. Joi

    jungs ihr seid in eurem Video abgesehn von ein paar spitzkehren mächtig viel gerade aus gefahren. Klar das ist die Domäne. Aber bei uns im Wald gehts auch durch Kurven und da sind die Grenzen bei meinem Bergamont mit Jumbo Jim krass gesetzt. Die Performance in Kurven ist einfch nicht da. Das habe ich schmezhaft mehrfach erlebt. Ich finde das kommt bei euch zu kurz.

    Antworten
    • Matt

      Hi Joi,

      Danke für Deinen Kommentar. Wir haben die Reifen damals auf einer sehr abwechslungsreichen Strecke incl. verwinkelten Downhills und verblockten Single Trails getestet – es gibt nur nicht von allem Videos und Fotos 😉
      Und es gab damals (der Test ist ja fast zwei Jahre her) kaum Reifen – im Testfeld lag der JJ gut auf.
      Inzwischen ist er jedoch ziemlich abgeschlagen, in jeder Disziplin gibt es gleich mehrere Reifen, die den JJ abhängen. Er ist ein guter Allrounder, sicher ein Grund, warum er ab Werk so oft montiert ist.
      Wenn Dich Grip in der Kurve interessiert lies mal unsere letzten Artikel zu Vee Tire Bulldozer und Maxxis Minion. Die lösen solche Probleme zuverlässig!

      FATte Grüße

      Matt

  2. Sascha

    Vielen Dank für den Test erst mal!
    Mich würde interessieren, mit welchen Hilfsmitteln ihr den Druck 0,1 bar genau gemessen habt? Ich selber habe da noch nicht wirklich was gefunden, was zuverlässig und vor allem genau funktioniert. Es wusseln schon einige Selbstbau Ideen im meinem Kopf umher, habe aber noch nichts ausprobiert. Frei nach dem Motto „wer misst, misst Mist“.

    Antworten
    • Matt

      Hi Sascha,

      wir nutzen einen kleinen blauen digitalen Druckprüfer von Schwalbe. Der misst auf 0.01 bar genau. Auch, wenn das Teil vermutlich nicht geeicht ist, zeigen alle, die wir im Einsatz haben, identische Werte an. Das Teil ist also recht genau und liefert, was noch wichtiger ist, reproduzierbare Werte.

      FATte Grüße

      Matt

  3. Sir Tom

    Grosses Kompliment für Eure Tests – freue mich auf weitere interessante Beiträge! Bei mir ist von CANYON aus der Schwalbe JJ 4.0 als Liteskin-Version montiert. Dieser fährt sich super, ist agil und doch relativ griffig. Aber leider ist dieser Reifen in Bezug auf die Pannenanfälligkeit eine Katastrophe! Alle rund 200 km einen Plattfuss bzw. gleichzeitig mehrere Löcher im Schlauch. Dies ist m.E. ein Reifen, welcher ausschliesslich zur Gewichtsoptimierung geschaffen wurde. Werde nun mal die richtig fetten Surly’s ausprobieren, lieber etwas mehr Gewicht als jeden Monat einen Plattfuss auf der Tour!

    Antworten
    • Matt

      Servus Tom,

      vielen Dank für Deinen Kommentar und Glückwunsch zum Dude! Der JJ Light Skin ist wirklich sehr empfindlich und auch nach unserer Erfahrung nur mit viel Druck sicher ohne Pannen (Durchschläge) zu fahren. Aber er rollt halt extrem leicht – macht sich super auf Marathons oder langes Strecken.
      Mit Surly wirst Du in Sachen Pannen deutlich weniger Probleme haben. Geht dann aber auch nicht mehr so raketenmäßig nach vorn.
      Viel Spaß beim Testen!

      FATte Grüße

      Matt

  4. MATaFIX

    Hallo zäme,
    Ein grosses Lob für euren Test! Mit viel Aufwand und Liebe durchgeführt und sehr erfrischend geschrieben. Ich habe momentan auch gerade zwei Kenda Juggernaut Sport 4.5 60tpi Reifen zuhause. Diese sind aber nicht faltbar, wie ihr in eurer Tabelle geschrieben habt. Sie haben einen Draht drin und stehen von selber aufrecht wie eine eins! Nicht dass ich das gewünscht hätte…

    Grundsätzlich wäre es natürlich sehr interessant gewesen, die Reifen auch auf Schnee zu vergleichen. Da wären sicherlich noch andere Erkenntnisse hinzugekommen. Aber mit Schnee ist’s halt momentan schwierig…

    Wie gesagt, tolle Arbeit! Weiter so…

    Happy Trails aus der Schweiz wünscht
    MATaFIX

    Antworten
  5. der Marcel

    Ein dickes +1 für euren Reifentest!… was ich ziemlich cool finden würde, wenn Ihr noch ’nen extra Wintertest nach legen könnt. Oder ist der schon in der Mache? Vielleicht ist der GC gar nicht so verkehrt im Schnee oder vom Juggernaut gibt es jetzt noch eine weitere Variante mit 120tpi/PRO… evtl. habt Ihr da einen besseren Draht zu als wir 0815Endverbraucher.
    … bin gespannt

    Antworten
    • GrossMatt

      Hi Marcel,

      danke für Dein Lob und Deinen Kommentar. Wir testen seit dem Beitrag alle Reifen weiter im Alltag. So gewinnen wir einen besseren Eindruck über die Reifen und wie man sie am besten einsetzt. Wir werden den Testbericht auch noch mit den Langzeiterfahrungen ergänzen.
      Bezüglich Winter/Schnee kann ich Dir zumindest zu Surly Bud und Lou inzwischen konkrete Infos geben – ich schreibe zum Wochenende ein paar Fahrtechnik-Tipps zum Tiefschneebiken zusammen, da gehe ich auch auf beiden FATten Surlies ein.

      Grüße

      Matt

  6. Manuel

    Danke für den super Test, der gibt schonmal einen guten Überblick.
    Noch eine Frage: hattet ihr überall die gleichen Schläuche drin?
    Ich frage nur, weil ich am normalen MTB deutliche Unterschiede im Verhalten des selben Reifens mit verschiedenen Schläuchen (Light, Standard, Nokian DH) bemerkt habe.
    Beste Grüße
    Manuel

    Antworten
    • GrossMatt

      Hi Manuel,

      danke für den Kommentar. Wir hatten in allen Bikes Specialized Schläuche um hier die Toleranz so gering wie möglich zu halten.

      Grüße

      Matt

  7. Udo Hoppe

    Ich fahre auch den Ground Control 4,6. Wie funktioniert das mit Dichtmilch, wenn man sich die Schläuche sparen will.
    Gruß Udo

    Antworten
    • GrossMatt

      Hi Udo,

      eine gute Frage. Zuerst mal musst Du die Felgen dicht bekommen. Echte Tubeless Felgen für FATBikes sind (noch) Mangelware, es gibt in den Staaten z.B. welche von HED oder 45nrth. Normale Felgen bekommt man mit etwas Geduld mit den üblichen Hausmitteln einigermaßen dicht (Panzertape/Klebeband, 20″ Schlauch, etc.). Ich habe mir sagen lassen, dass man mit diesen Maßnahmen und Dichtmilch bereits brauchbare Ergebnisse erzielt.
      Ich habe es selbst (noch) nicht getestet, da ich zu oft Reifen zwecks Tests ummontiere und Dichtmilch eine ziemliche Sauerei macht. Kommt aber noch!! Von daher kann ich Dir aber auch nicht sagen, ob solche Eigenbauten auch mit wenig Druck dauerhaft dicht sind und auch in scharf gefahrenen Kurven keine Luft verlieren.

      Grüße

      Matt

  8. bayomo

    Interessanter Test, dessen Wertungsskala man aber noch, über Abrolllautstärke und Rollwiderstand hinaus, hätte erweitern können (z.B. Grip bei trockenen und feuchten Untergründen). Vielleicht ja beim nächsten Mal! Für wann ist denn der Test von Reifen bis 4.0 Größe geplant?
    Danke + Grüße!
    bayomo

    Antworten
    • GrossMatt

      Hi Bayomo,

      danke für Dein Feedback. Für bessere Übersicht macht eine Wertung für Grip nass/trocken, Bremsleistung, Handling, etc. in der Tabelle defintiv Sinn. Unsere Erkenntnis war aber, dass sich die Reifen abhängig vom Druck teilweise stark verändern und daher eine unkommentierte Benotung nur eingeschränkt hilfreich ist.
      Daher stehen in der Tabelle stehen nur die Werte, die wir objektiv durch Messung ermitteln konnten während wir Grip & Co ausführlich im Text beschreiben. Wir werden uns aber nochmal Gedanken machen, wie wir die subjektiven Ergebnisse sinnvoll skalieren können, damit man auf einen Blick zuverlässig vergleichen kann.

      Die 4 Zoll Klasse planen wir spätestens Anfang nächsten Jahres zu testen, wir müssen dazu noch ein paar Dinge organisieren. Gibt es da Reifen, die Dich besonders interessieren?

      Grüße

      Matt

  9. Werner

    Auch von mir ein fattes Lob für den Test und die Infos / Berichte von Euch – weiter so!

    Ich fahre (nur noch) seit 2 Monaten ein Speci Fatboy – mit diversen Umbauten ist das Gewicht auf 12 kg geschrumpft. Als nächstes werde ich dann wohl den GC gegen den JJ tauschen – mit jedem Gramm weniger bei der rotierenden Masse steigt ja bekanntlich der Spassfaktor. Habt ihr schon versucht den JJ (LightSkin) mit Milch dicht zu bekommen? … beim GC war das kein Problem. Die „Gummikette“ beim GC kann ich absolut bestätigen.

    Keep On Fat Biking

    Antworten
    • GrossMatt

      Hi Werner,

      danke für Dein Lob. Freut uns, dass der Beitrag so gut ankommt. Frage: wie hast Du den FatBoy ohne Jumbo Jim so leicht bekommen???
      Mit schlauchlos haben wir noch nicht experimentiert, ist immer so eine Sauerei wenns schief geht… Aber solche Systeme interessieren uns ganz besonders – einmal wegen der Gewichtsersparnis und weil man sich beim ungefederten FATBike dann doch ab und an mal einen Durchschlag holt. Wir gehen das noch an. Kannst mir ja gern mal Deine Erfahrungen mailen. Vor allem interessiert mich, ob der Reifen auch bei wenig Druck (<0.4 bar) noch dauerhaft dicht im Felgenbett sitzt.

      Der Jumbo Jim ist übrigens "Tubeless Easy".

      Grüße

      Matthias

  10. Oliver

    Da kann ich mich Kristian nur anschließen.
    Ein ganz besonders toller Test von Euch.
    Ich fahre jetzt seit ca. Zwei Wochen das Spezialized Fatboy und bin ganz angetan von dem Bike.
    Gute Laune ist quasi vorprogrammiert.
    Während man mit anderen Mountainbikes von Fußgängern nur angefeindet wird, hört man beim Fatbike-radeln nur „Boah, hast du die dicken Reifen gesehen?“

    Antworten
    • GrossMatt

      Hi Oliver,

      vielen Dank. Ich gebe Euer Lob natürlich auch an unsere Mit-Tester weiter – die haben ziemlich für den Artikel schuften müssen.
      Den letzten Teil mit den Fußgängern kann ich auch nur bestätigen. Fatties (und ihre Fahrer) haben eindeutig einen Sympathievorteil! Wie wir mal geschrieben haben: Dicke sind gemütlich 🙂

      Grüße

      Matt

  11. Kristian

    Danke für den tollen Test, danach hab ich nun schon Wochen gesucht. Ich fahre momentan die GC von Specialized und wollte auf Bud und Lou umsteigen.
    Die Knard von Surley in 26×4.8″ fehlen mir im Test, da hätte ich mich noch für interessiert weil sie so anders sind im Profil.

    Ein Frage noch: Wo habt ihr die 100mm Specialized Felgen her, die unter der Maßtabelle angegeben sind? Meine sind 90mm.

    Beste Grüße und Fat on!

    Kristian

    Antworten
    • GrossMatt

      Hi Christian,

      danke für Deinen netten Kommentar und den wichtigen Hinweis bzgl. den Felgen – welche natürlich auch bei uns „nur“ 90 (bzw. genau genommen 91mm) breit sind. Da haben wir die Reifen Millimeter für Millimeter vermessen und bei unseren Felgen das Maß verbockt ;). Habs schon berichtigt.
      Bzgl. Knard – wir haben bei Cosmic Sports alle Reifen angefragt, die 2015 in Deutschland erhältlich sein werden. So kamen wir zu Bud und Lou… Sollte der Knard seinen Weg nach Mitteleuropa finden machen wir einen Test!

      Grüße

      Matt

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