In kaum einem Bereich, in dem luftgefüllte Reifen essentiell für die Mobilität sind, wird so sklavisch am Schlauch festgehalten, wie beim FATBike. Das ist zumindest unser Eindruck aus über 7 Jahren Gesprächen mit anderen FATBikern und Lesern. Dabei sind ausgerechnet die Schläuche am FATBike systembedingt eine Spezies, die in ständiger Gefahr lebt, zerstört zu werden. Liegt eine Scherbe oder ein Dorn auf dem Weg, ist die Chance, sich einen Platten zu stechen, mit einem 12cm breiten Reifen nunmal sehr viel größer, als das Ding mit einem schmalen MTB Reifchen einzusammeln. Und trotz enormer Federwegsreserven schlagen Wurzeln und Steine immer wieder mal bis zur Felge durch – häufig endet auch das im glatten Durchschuss. Das Tannus Armour System von Messingschlager verspricht hier Abhilfe. Was die pinkfarbenen Extrawürste leisten, haben wir unter verschärften Bedingungen für euch getestet.

Tannus Armour. Der Schutzschild im Detail.

Verspricht Schutz!

Tannus Armour ist eine Reifeneinlage, die zwischen Schlauch und Mantel sitzt. Dort soll das System für ausreichend Sicherheitsabstand zwischen Schlauch und eindringenden Fremdkörpern sorgen und zusätzlich an den Seiten den Schutz gegen Durchschläge erhöhen. Dafür stehen 15mm Material in der Reifenmitte und ca. 3-5mm an den Seiten zur Verfügung. Außerdem verspricht der Hersteller, dass die Extrawurst aus stabilem Polymerschaum auch bei einem vollständigen Platten noch ausreichende Notlaufeigenschaften sichert. Unser Testkit ist für Reifen zwischen 4.0 und 4.8″ vorgesehen, der UVP liegt bei stolzen 49,90 Euro – pro Stück. Eine Montage in einem Tubeless Reifen ist zwar grundsätzlich denkbar, aber dürfte ziemlich sinnlos sein. Dazu gleich mehr.

Alle wichtigen Maße auf einen Blick

Außerdem wirbt der Aufdruck auf der Packung mit der Eigenschaft „sehr leicht“. Nun ja… Laut unserer offiziellen Waage schlägt eine einzige Tannus Armour Einlage mit üppigen 500 Gramm zu Buche. Zum Vergleich: ein vergleichbares, hoch wirksames System für Tubeless Räder wie der Vittoria Airliner kommt mit der Hälfte aus. Wer zusätzlich auf den alten FATBike Schlauch besteht, betoniert sich hier schnell mal 1kg Füllung in in jede seiner beiden FATten Walzen. Im Sinne des Fahrverhaltens können wir von derlei Unfug nur abraten und zumindest die Kombination mit entsprechend dünneren (bzw. schmaleren) Schläuchen empfehlen.

Die Montage.

Erstmal Luft raus.

Wir haben uns für die Verwendung leichter Revoloop Schläuche entschieden, schließlich wollen wir die Fuhre auch mal knackig beschleunigen. Als Testreifen haben wir den Jumbo Jim 4.0 Snake Skin* der aktuellen Baureihe gewählt. Warum gerade der? Zum Einen bieten die winzigen Stollen des JJ kaum Eigenschutz, zum Anderen stehen beim vier/nuller die Flanken steiler über der Felge, was die Anfälligkeit für seitliche Durchschläge deutlich erhöht.

So haben wir uns in unserer Ligurischen Exilwerkstatt ans schweißtreibende Werk gemacht. Eine Ligurische Spezialität ist „Cinghiale in Umido“ – Wildschwein in Sauce. Und genau SO haben wir uns nach einer guten Dreiviertel Stunde Reifenmontage auch gefühlt… Naja von nichts kommt ja nichts. Insgesamt ist die Montage aber simpel. Reifen einseitig abziehen, Einlage rein, Schlauch rein, alles in Position bringen und wieder aufpumpen. Wir haben, der Einfachheit halber, den sonst üblichen Druck von 0.5 bar beibehalten, so drückt der Schlauch die Einlage fest gegen den Reifen und hält alles in Position. Das hat sich auch in der Praxis bewährt. Würde man die Einlage in ein Tubeless System stecken, entfällt diese Fixierung, das System wird weitgehend nutzlos. Prädikat soweit: narrensicher.

Der Test.

Aufpumpen – ein Schweiß treibendes Ritual bei schwülen 28 Grad.

Damit das Tannus Armour System nicht nur auf einem heimischen Waldweg imaginäre Gegner abwehrt, haben wir das Ganze, wie oben schon angedeutet, in Finale Ligure getestet. Die Trails dort bieten jeden beliebigen Schwierigkeitsgrad und jede nur denkbare Herausforderung für Reifen. Aber die Gute Laune ist schon beim ersten Losfahren versackt: Rollwiderstand und Trägheit sind, formulieren wir es nett, „erhöht“. Die Einlagen verwandeln den wieselflinken Sprinter Jumbo Jim in seinen eigenen Großvater. Das kann ja was werden…

Frontale Einschläge sind kein Problem!

Überraschenderweise legt die Kombi JJ/TA diese Trägheit im Gelände auf nahezu magische Art ab. Wir hätten hier einen ziemlichen Totalschaden bei Fahrkomfort und Grip erwartet – schließlich ist schon der Unterschied zwischen Tubeless und einem traditionellen und nur wenige mm dünnen Butylschlauch sehr deutlich spürbar. Wie man sich doch irren kann. Offenbar ist der Polymerschaum sehr gut in der Lage, sich an den Untergrund anzupassen und dabei die natürlich Bewegung der Reifenkarkasse nicht übertrieben zu behindern. Wie das geht? Keine Ahnung, aber abgesehen von der krassen Trägheit von 500 Extra-Gramm ganz außen am Rad ist das Fahrverhalten ganz in Ordnung.

Die Wirkung.

So sind wir dann also losgebrettert, mit einem der FATBike Reifen, die am wenigsten für knochenharte Abfahrten in Staub und Schotter geeignet sind. Aber nicht nur die brutalen Felsformationen bedrohen Reifen, Schlauch und Felgen. Auch Unmengen von Dornen und scharfkantigen Steinen setzen den Pellen zu. Und da hat das Tannus Armour System anfänglich eine erstklassige Schutzwirkung bewiesen.

Weniger beliebt: seitliche Treffer…

Insbesondere Dornen hat der Reifen locker abgeschüttelt. Aber auch über fiese Stein- und Wurzelpassagen konnten wir mit erstaunlich wenig Rücksicht einfach hinweg ballern. Doch dann, auf einem wirklich banalen Stück des Andrassa Trails, der Schock: ein Platten am Hinterrad. Mal wieder hatte sich die größte Schwachstelle FATter Laufräder, die dünne und steil über dem Felgenhorn stehende Reifenflanke, als Achillesferse erwiesen. Knapp über der Felge waren zwei eng beieinander liegende Löcher.

Game over. Erstaunlich banal…

Ganz klar: Durchschlag. Unsere genauere Analyse hat gezeigt, dass der Revoloop Schlauch offenbar schon mehrere derartige Treffer eingesteckt hatte – nur die hohe Belastbarkeit des Revoloop Materials hatte bisher Schlimmeres verhindert. Für einen wirksamen Schutz gegen diesen, beim FATBike leider sehr häufigen, Schaden ist Tannus Armour an den Seiten einfach zu dünn.

Ein guter Grund für Tannus Armour… Auch, wenn hier Dichtmilch die Arbeit übernommen hat.

Direkte Treffer auf die Lauffläche dagegen bügelt das System souverän aus und schützt, in Grenzen, auch die Felge wirksam gegen ungewollte Kaltverformung.

Notlauf. Der Teufel ist ein Eichhörnchen.

Gut, also zurück zur Situation. Ein Platten ist nicht schlimm, als Tester hast du immer Ersatz dabei. Dumm aber, wenn du einen deiner zwei Ersatzschläuche offenbar verloren hast und der anderen dann auch noch kaputt ist. Dann musst du flicken. Was nur geht, wenn die Packung mit den Flicken nicht leer ist. So wie es … unsere war. Verdammt!

Ab hier ging's nur noch Dank der Notlaufeigenschaften weiter

Der Teufel ist eben ein Eichhörnchen… Also konnten (oder mussten…) wir gleich noch die versprochenen Notlaufeigenschaften testen. Hier darf man nicht zu viel erwarten, aber tatsächlich haben wir stattliche 10km Heimweg über Trails und Asphalt hinbekommen. Das braucht viel Vorsicht und „langsam“ ist dein bester Freund. Aber es geht, und weder Reifen noch Felgen haben erkennbare Schäden genommen. Das ist verdammt cool!

Was bleibt?

Die Idylle trügt. Während der Aufnahme dieses Fotos auf dem Andrassa Trail ist die Luft ausgegangen.

Dennoch… Das Fazit fällt diesmal etwas länger aus, denn wir haben lange überlegt, was man nun mit dem Tannus Armour anfangen soll. Aber diesmal ist und nichts so wirklich eingefallen. Ja, das Tannus Armour System bringt zusätzlichen Schutz ans Bike. Aber der Preis dafür ist in nahezu allen uns erdenklichen Lebenslagen zu hoch. FATBikes reagieren bekanntlich sehr empfindlich selbst auch kleinste Änderungen am Reifen – schon +/-0,1 bar kann eine Welt bedeuten, genauso die Auswahl des Schlauches – Material und Gewicht ändern wirklich viel. Der Einfluss auf Fahrverhalten, Agilität und Eigenschaften des Reifens sind hier entsprechend drastisch. Aber ausgerechnet die Achillesferse des FATBikes, die empfindlichen Reifenflanken, bleibt weitgehend ungeschützt. Aus unserer Sicht ist das System ein guter Beweis dafür, dass man ein (vermutlich) beim MTB sehr erfolgreiches System nicht einfach auf das FATBike übertragen kann. Sinnvoller wäre es nach unserer Erfahrung gewesen, weniger Material unter der Lauffläche, dafür mehr an den Seiten anzusiedeln. Der erstklassige Schutz gegen Einstiche dürfte vor allem für FATBiker in Städten interessant sein, dort rollt das Bike mit dem Tannus Armour aber wie der berühmte Sack Nüsse. So dürfte das System nur eine sehr kleine Gruppe FATBiker ansprechen, die ultimativen Einstichschutz brauchen, Tubeless nicht verwenden wollen oder können, denen die Verschlechterung der Fahreigenschaften und das deutlich höhere Gewicht egal sind und die den klassischen Durchschlag knapp über dem Felgenrand einsatzbedingt nur selten haben.

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