„Jungs, ich brauche dringend Reifen, wo bekomme ich welche?“ „Wisst ihr, wer mir Kurbeln in 190mm liefern kann?“ „Es ist ziemlich ruhig geworden bei euch!“

Sätze wie diese hören wir in letzter Zeit leider viel zu oft. Und „in letzter Zeit“ ist dann auch schon fast ein Jahr… Was ist los mit in der Bikewelt, ist das FATBike „an oder mit“ Covid gestorben? Wir haben uns dazu bisher nicht so wirklich geäußert, weil unsere Beobachtungen letztendlich die selben sind, wie eure. Und weil wir immer darauf gehofft haben, dass es schnell vorbei sein würde. Aber auch für uns ist es enorm schwer, irgendwelche Prognosen zu treffen. Trotzdem wollen wir uns heute mal mit der Frage befassen, was eigentlich los ist in der Bikewelt. Und da sieht es derzeit wirklich trostlos aus…

Was ist denn eigentlich los?

Leicht, schwarz und präzise: Materialmix vom Feinsten am SRAM XX1 Eagle Schaltwerk
Einfach mal ein neues Schaltwerk anbauen… Waren das noch Zeiten!

Naja, fast jeder von euch dürfte das Drama kennen. Du brauchst Reifen? Viel Glück bei der Suche. Ein neues Fatty soll her? Frag am besten gleich den Weihnachtsmann. Deine Schaltung ist am Ende? Lerne doch einfach, ohne zu fahren. Ernsthaft, die letzten Monate sind eine harte Prüfung für alle, deren Leben auf oder mit Bikes stattfindet. Ob nun Händler, Biker oder Magazine wie wir – wir alle haben mit leeren Regalen und einer ungewissen Zukunft zu kämpfen. Der Grund dafür ist auf den ersten Blick einfach: Covid-19, Geisel der Menschheit seit 2020, hat alles durcheinandergebracht. Ein tieferer Blick offenbart dabei eine fatale Mischung aus gleich mehreren Zutaten. In erster Linie haben die Folgen des Corona-Virus über einige Umwege ganze Industriezweige lahmgelegt, von der Rohstoffgewinnung bis zur Fertigung der Produkte. Und nicht nur die Bikewelt hat mit dieser Unterversorgung zu kämpfen. Dazu kam aber der Faktor, der unser Universum so speziell macht: dank Home Office und anhaltendem e-Bike Boom ist die Nachfrage nach Bikes und Parts regelrecht explodiert.

Selbst bzw. GERADE beim schon so oft tot geredeten FATBike haben sich die Kunden die Klinke in die Hand gegeben. Mehrere Hersteller haben uns unabhängig bestätigt, dass 2020 das stärkste Jahr für FATBikes seit ihrem Debut in Europa war. Nur: die Branche hat hier bereits nach wenigen Wochen vom Speck, sprich Lagerbestand, gelebt. Denn viele Hersteller im Teile- und Zubehörbereich haben diesen Boom nicht kommen sehen. Wie auch… Und so wurden die Kapazitäten aus Vorsicht und Angst vor den Folgen der Pandemie eher nach unten angepasst. Zu guter Letzt hat die Bike-Branche dann auch noch grundsätzlich mit einem sehr extremen Verhältnis aus Marken- & Modellvielfalt versus Stückzahlen zu kämpfen. In dieser Konstellation machen große Lager keinen Sinn – und kleine sind schnell leer gefegt. Wie gesagt, eine fatale Mischung.

„Rosig“ ist anders…

Der Schwalbe Al Mighty wartet derzeit noch hinter'm Horizont

Was Lieferanten und Herstellern die Schweißperlen auf die Stirn treibt, ist für uns Biker im Zweifel eine handfeste Katastrophe. Du hast kaputte Reifen? Wer sich auf den neuen Schwalbe Al Mighty freut, muss bis 2022 warten. Mindestens. Wer versucht, sich statt dessen mit einem Terrene Johnny 5 zu trösten, wird irgendwann entnervt zu hören bekommen, dass „Mr. Terrene“ schon seit Monaten nicht mehr auf Anrufe und eMails reagiert. Wir hatten vor kurzem ein Gespräch mit einem namhaften Reifenhersteller zu diesem Thema. Fazit: die Produktionskapazitäten sind komplett ausgebucht. Auf Monate. Alles, was nicht überlebensnotwendig ist, muss derzeit warten. Leider gehören FATBike Reifen nicht dazu. Im Gegenteil – ein anderer Hersteller hat uns gebeichtet, dass FATBike Produkte das Erste sind, was fallengelassen wird, wenn Material oder Produktionskapazitäten noch knapper werden.

Erinnert ihr euch noch…

…an die Zeit, als man noch lustvoll nach dem günstigsten Preis gesucht hat? Man nannte das „Geiz ist geil“. Was übrigens ein Irrglaube war, denn Geiz ist in etwa so geil wie Tennissocken in Sandalen. Aber diese Zeiten sind nun vorbei. Niemand spricht das gern oder gar offen aus- aber in 2021 kannst du froh sein, wenn du ÜBERHAUPT noch was für dein Bike bekommst. Manche Dinge sind inzwischen so rar, dass der Händler, der ein bestimmtes Produkt noch liefern kann, sagt, was er dafür haben möchte. Wer Rabatte anbietet, ist selbst schuld. Und wir haben schon das eine oder andere Bike auf den einschlägigen Portalen entdeckt, das gebraucht zum Neupreis angeboten wurde. Noch vor einem Jahr hätten dich potentielle Interessenten dafür schallend ausgelacht…

Die Parts für unseren Mondraker Panzer Neuaufbau Anfang des Jahres. Die Schaltung wurde damals mit Gold aufgewogen.

Aber es ist ja nun nichtmal so, dass nur das FATBike leidet. Wer Anfang des Jahres, so wie ich, versucht hat eine simple Shimano XT Schaltung zu bekommen, hat sauber in's Rohr geschaut. Der Markt war leer. Ein Hersteller hat uns damals im Vertrauen gestanden, dass längst nicht klar sei, ob manches Bike überhaupt zu Saisonbeginn fertig aufgebaut werden kann. Und wer sich heute über sich ständig nach hinten verschiebende Liefertermine seines Wunschbikes wundert dem sei gesagt, dass es vermutlich bereits zu 95% fertig ein einer Montagehalle steht. Die letzten 5% sind aber wohl auf unbestimmte Zeit verschoben.

Und auch uns trifft das Drama. Ein Magazin zu einem Nischenthema zu betreiben ist nie einfach. Aber trotz des (aus Absatz-Sicht) grandiosen FATBike Jahres 2020 war es in unseren ganzen 7 Jahren noch nie so schwer, an neue Themen oder gar Material zu kommen.

Wie geht's nun weiter?

Böse Zungen behaupten ja bereits, dass die Bike-Branche nun endlich die lange überfällige Quittung bekommt. Die Quittung dafür, alle paar Monate eine neue Sau durch's Dorf zu treiben. Die Quittung für ultra kurzen Produktzyklen – selbst Handyhersteller bauen ihre Modelle länger. Und die Quittung für eine viel zu große Vielfalt an Produkten und Varianten, die, sind wir ehrlich, niemand WIRKLICH braucht. Nun ja, soweit würden wir nicht gehen. Aber im Gegensatz zu vielen anderen Konsumentenprodukten halten sich hier die Probleme schon erstaunlich lange.

Trübe Aussichten fürs FATBike? Glauben wir nicht!

Trotzdem sind wir immer noch zuversichtlich, gerade fürs FATBike. Hinter'm Horizont geht's ja bekanntlich weiter (übrigens auch von uns alles Gute zum 75., Udo!). Und dafür haben wir ein paar handfeste Gründe. Zum einen ist die Nachfrage ungebrochen. Auch, wenn es mehrheitlich um e-Bikes geht – FATBikes verkaufen sich nach unserem Wissen nach wie vor sehr gut. Und wo ein Markt ist, wird er bedient – auch mit Ersatzteilen. Dann gibt es nach wie vor Innovation in unserem Bereich. Der Schwalbe Al Mighty ist sicher eines der leuchtendsten Beispiele, aber längst nicht das einzige. Auch andere Hersteller haben frisches Material in der Pipeline. Und drittens ist es naturgemäß nur eine Frage der Zeit, bis sich das Angebot der Nachfrage anpasst und die letzten Versorgungslücken geschlossen sind. Denn diese bedeuten Geld – und welcher Produzent lässt sich das schon gern entgehen.

Bis dahin ist aber wohl leider noch einiges an Geduld gefragt. Wir wissen auch nicht, wann die lang ersehnte Entspannung eintritt. Das vermeintliche Licht am Ende des Tunnels war bisher leider doch am Ende nur wieder eine große Leuchtreklame, die einen noch späteren Liefertermin angekündigt hat als die Letzte.

Was bleibt?

Geheimwaffe für ein sauberes FATBike auf Reisen, und auch das die EVOC Bike Travel Bag XL sauber bleibt: Express-Reiniger von F100.
Bikepflege ist der Trend der Saison: erhalte, was du hast!

Also, ist es da, das FATte Ende? Zwar haben auch wir keine Glaskugel, aus der wir die Zukunft der (FAT)Bikebranche lesen können und unser Bierorakel hat sich als unzuverlässig erwiesen. Aber auch, wenn die aktuelle Zeit kein Spaß ist und die Ersatzteilbeschaffung zur Zerreißprobe werden kann, wird das alles vorbei gehen. Und nach allen uns aktuell vorliegenden Informationen wird das FATBike nicht „an oder mit“ Corona sterben. Vielleicht wird es hinterher noch ein paar Marken und Produkte weniger geben. Aber im Kern, das ist zumindest der Stand heute, wird es weitergehen und die Nachfrage auf ein passendes Angebot treffen.
Bis dahin, und das schreiben wir auch in eigener Sache, ist Selbsthilfe angesagt: indem man seine Parts noch etwas länger fährt, auf gebrauchtes Material zurückgreift oder indem wir, anstatt dem neuesten eFatty aus dem Hause Silverback, einfach mal wieder ein Leserbike vorstellen. Und zumindest zwei Dinge setzen sich in immer mehr Bikerköpfen durch: die Dankbarkeit, ein funktionierendes Bike zu haben und die Bescheidenheit, dass es doch eigentlich ausreichen ist.

4 Responses

  1. Stephan

    Ein großes Lob an den Autor für eine schon fast lyrisch anmutenden und vielleicht etwas tröstenden „Marktanalyse“ 🙂 Sehr gelungen!

    Auf bessere Zeiten – Ride ON!

    Stephan

    Antworten
    • Matt

      Servus Stephan,

      vielen Dank für den Kommentar und die netten Worte. Durststrecken sind dazu da, überwunden zu werden. Schauen wir mal, ob es diesmal auf wieder gelingen wird 🙂

      FATte Grüße

      Matt

  2. Ralf

    ….ultra kurzen Produktzyklen gibts aber nicht bei mir, 4 x Fatty von 2015/2017 und die fahren so Gott will noch Jahre weiter und Gott will 🙂
    Reifen, Kassette, Bremsbeläge alles auf Vorrat , gesichert für die nächsten 10tsd. Km was etwa 4 Jahre entspricht.
    Die meisten Teile sind untereinander bei meinen Bikes tauschbar was bei 4 Fatty einem tollem Lagerbestand gleicht.
    Fette Grüsse

    Antworten
    • Matt

      Hi Ralf,

      danke für deinen Kommentar! Ja, Bevorratung ist aktuell eine gute Taktik. Wer hätte gedacht, dass wir nochmal da hin kommen…

      FATte Grüße

      Matt

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