Die Welt steht Kopf: unser FatLab Federgabel Test

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FatLab Federgabel Test – die Welt steht Kopf!

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Geliebt, gehasst, gelobt und verschrien – wenig polarisiert die Bikewelt so wie Upside Down Federgabeln. Aber gerade wir als FATBiker sind es ja gewohnt zu polarisieren und können uns so ohne Vorurteile auch an ungewöhnliche Dinge herantasten. Und genau das tun wir mit unserem FatLab Federgabel Test.

Und so kommt heute mal ein – im wahrste Sinne des Wortes – außergewöhnlicher Leckerbissen auf den Tisch: eine FatLab Upside Down Federgabel. Upside Down bedeutet, dass die Gabel quasi umgedreht wurde. Nein, nicht vorn nach hinten – sondern von unten nach oben! Die äußeren Rohre (=Tauchrohre) werden nicht, wie üblich, mit dem Rad verschraubt sondern in die Gabelkrone geklebt. Zu unverständlich? Ein Bild sagt mehr als tausend FAT-Bike.de Redakteure:

Wuchtige Erscheinung: die FatLab Upside Down Federgabel

Wuchtige Erscheinung: die FatLab Upside Down Federgabel

Dabei ist das Konzept Upside Down alles andere als neu. Im Motorradbereich findet diese Spielart von Teleskopfedergabeln häufig Verwendung – ist im Bike jedoch immer mit einer Art Hassliebe verbunden: miserable Verwindungssteifigkeit, hoher Wartungsaufwand, zu schwer, schlechte Funktion, schneller Verschleiß, etc., etc. Vorurteile um einen Abend am Stammtisch mit Leben zu füllen gibt es genug!
Unbestrittene Vorteile, wie z.B. die geringeren ungefederten Massen oder deutlich höhere Widerstandsfähigkeit gegenüber Biegekräften z.B. beim Bremsen rücken da gern mal in den Hintergrund…
Unser FatLab Federgabel Test soll klären, was es mit all dem bei der neuesten Generation von Upside Down Federgabeln auf sich hat! Übrigens: wie üblich sind alle Links zu unserem Partner Fatbike24* mit einen „*“ gekennzeichnet.

Kurz und knapp

High
  • Straff und linear abgestimmt
  • Verhältnismäßig leicht
  • Echtes Lockout
Low
  • Kaum Einstellmöglichkeiten
  • Etwas nervös um die Mittellage
  • Im Detail noch viel Optimierungspotential

Womit wir es zu tun haben: FatLab!

FATter Anblick: hier ist nix mehr mit Spaghetti-Optik!

FATter Anblick: hier ist nix mehr mit Spaghetti-Optik!

Allen, die unsere Serie zu Laufrädern verfolgt haben, dürfte FatLab bereits ein Begriff sein. Die auf FATBike Teile spezialisierte Firma aus Taiwan hat schon damals eine überzeugende Vorstellung abgeliefert und wußte mit lässigen Details zu beeindrucken. Die FatLab Federgabel scheint, und das sorgt gelegentlich für Verwirrung, auch unter anderen Namen im Netz zu finden zu sein. Hier haben wir recherchiert und ein paar Erklärungen gefunden. Entwickelt hat die Gabel Marvin Besselink, Mastermind von FatLab – allerdings noch in seinem alten Job als Entwickler für den Taiwanesischen Hersteller der Gabel. Wir haben es hier also quasi mit dem Original zu tun, auch wenn Fertigung und Marke nicht mehr in einem Unternehmen verbunden sind. Allerdings fertigt der Hersteller ähnliche Gabeln auch unter eigenem bzw. Third Party Label. Das ist verwirrend und nicht unkritisch, denn wenn eine scheinbar baugleiche Gabel miserable Performance abliefert liegt es ja irgendwie auch nahe anzunehmen, dass auch die FatLab Gabel nicht viel taugt. Oder?

Wir erwähnen das deshalb so ausdrücklich, weil sich auch unsere Testergebnisse eben ausdrücklich nicht auf andere „Marken“ übertragen lassen. Wir schreiben heute über die FatLab Upside Down Federgabel der neusten Generation. Und nur über die!

Boah, die ist doch sack schwer!!!!

Mächtig: die Gabelkrone

Mächtig: die Gabelkrone

Es gibt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck, sagt man. Stimmt, aber er kann täuschen! Nein, die FatLab Federgabel ist nicht so schwer, dass kleinere Federgabeln in einer Umlaufbahn um sie kreisen. Im Gegenteil: ohne Steckachse und auf das relativ kurze Steuerrohr unseres Specialized FatBoy Expert gekürzt, bleibt die offizielle FAT-Bike.de Küchenwaage sogar knapp unter 2kg stehen! Das ist beachtlich, denn zur optisch wesentlich filigraneren Rock Shox Bluto macht das kaum einen Unterschied!

Dafür steht die FatLab Federgabel mächtig im Futter. Wuchtige 43mm messen die Tauchrohre (Bluto: 38mm), mit strammen 36mm übertreffen die Standrohre die der Bluto um ganze 4mm im Durchmesser. Dazu gesellen sich in unserem Fall (gerade noch so) Hardtail taugliche 110mm Federweg.
Bei der Nabe ist alles beim Alten: 150mm Einbaubreite (optional sind auch 135mm zu haben*) und sie wird mit einer 15mm Steckachse in Position gehalten. Der Bremssattel wird mittels der üblichen Post Mount Sockel mit der Gabel verknüpft.

Da die sonst übliche Verbindung zwischen den Standrohren hier wegfällt kann die die FatLab Federgabel sogar den mächtigen Vee Tire Snowshoe 2XL 5.05″ aufnehmen.

Keine Wahl, keine Qual

Muss leider ohne Rasterung auskommen: die Einstellschraube der Zugstufe

Muss ohne Rasterung auskommen: die Einstellschraube der Zugstufe

Zwar kann man die FatLab Federgabel in diversen Konfigurationen (Federwege, Einbaubreiten) ordern, aber das mitgelieferte Zubehör ist eher spärlich. Einzig eine Steckachse liefert FatLab mit. Clever daran: anstatt ein Gewinde in eines der Ausfallenden zu schneiden, wird die Achse mit einer separaten „Mutter“ verschraubt. So hat man kein Risiko, bei der Upside-Down-typisch etwas fummeligen Montage der Achse das Gewinde zu zerstören. Leider ist die Achse dadurch aber auch nicht mit Maxle & Co kompatibel, was den Austausch gegen ein leichteres oder ergonomischeres Modell verhindert.

Hier steht nicht nur "LOCKOUT" drauf!

Hier steht nicht nur „LOCKOUT“ drauf!

Auch bei den Einstellmöglichkeiten ist die FatLab Federgabel begrenzt. Zwar bietet sie, im Gegensatz zu den meisten anderen Gabeln, einen echten Lockout Mechanismus. Darüber hinaus kann man aber nur die Zugstufe und natürlich den Luftdruck einstellen. Druckstufe, Federweg, Luftvolumen oder Plattform sind nicht oder nicht ohne Weiteres justierbar. Für den Federweg gibt es aber zumindest Travel Kits.

Hindernisse? Einfach drüberbolzen!

Smartes Detail: austauschbare Mutter statt fixes Gewinde

Smartes Detail: austauschbare Mutter statt fixes Gewinde

Also, die Abstimmung der Gabel ist schonmal unkompliziert. Sie hat ein extrem großes Luftvolumen und kommt mit wenig Druck aus. Während wir eine normale Bluto mit 120-140 psi fahren, reicht der FatLab Federgabel mit 80 psi Druck quasi ein laues Lüftchen. Die Zugstufe haben wir für den FatLab Federgabel Test ca. 1 Umdrehung (von 4 möglichen) geschlossen. Die Reifen (Specialized Ground Control Fat) haben wir im Test mit unserem Standarddruck (0.4 bar) gefahren um möglichst vergleichbare Ergebnisse zu bekommen.

Dabei macht die FatLab Federgabel genau das, was wir von einer FATBike Federgabel erwarten: straff und linear arbeiten. So tastet sich der Reifen bekannt feinfühlig durchs Gelände, während die Gabel alle bösen Überraschungen aufsaugt. Sie legt sich mächtig ins Zeug und nutzt ihre 110mm Federweg voll aus. Dabei bleibt alles schön definiert, man bekommt praktisch zum FATten Fahrgefühl noch die nötige Reserve um über Hindernisse einfach drüber zu bolzen. Das ist top!

Aber wie ist es mit der Verdrehsteifigkeit? Upside Down Federgabel haben ja den Ruf, Lenkbewegungen eher als „Handlungsempfehlung“ zu verstehen und Richtungsbefehle vom Captain nur widerwillig umzusetzen. Anders beim Bremsen: abrupte Bremsmanöver mit (einseitigen) Scheibenbremsen werden von vielen Gabeln dieser Bauart gern mal in spontane Richtungswechsel umgesetzt, sodass der bremsende Biker unfreiwillig einen Haken nach links schlägt.
Der FatLab Federgabel ist solcher Ungehorsam fremd. Willig folgt sie den Anweisungen von oben und hält gewünschte und tatsächliche Fahrtrichtung eng beieinander. Die – anders als bei früheren Gabeln – gegeneinander nicht mehr verdrehbaren Stand- und Tauchrohre sorgen trotz fehlender Gabelbrücke für ausreichend Widerstand.
Ingesamt ist die Gabel sehr steif und bestenfalls knochenharte Wurfanker-Bremsungen auf Asphalt, bei denen sich unsere Hope E4 Vierkolben-Stopper mit den 203mm Scheiben verzahnen, sorgen für ein leichtes Zucken nach links. Im Alltag und vor allem mit zarter besaiteten Bremsen spielt der Effekt keine Rolle.

Dampfhammer: die Hope Tech3 E4 Bremse

Dampfhammer: die Hope Tech3 E4 Bremse

Allerdings kann die FatLab Gabel die Schwächen der Upside Down Konstruktion immer noch nicht ganz abstreifen. So bleibt konstruktionsbedingt ein wenig Spiel in der Gabel, welches die FatLab um die Mittellage herum nach wie vor schwammig wirken lässt. Bei wilden Lenkmanövern merkt man davon nichts, hier geht das minimale Spiel in der Bewegung unter und man kann insgesamt sehr hohe Steifigkeit genießen. Aber gerade wenn man mal ein Stück geradeaus über eine Wurzelpassage zimmert, entwickelt die FatLab Federgabel ein für sensible Fahrer durchaus spürbares Eigenleben. Dann fühlt sie sich eigenartig unpräzise und irgendwie entkoppelt an, obwohl es in unserem Test zu keinem Zeitpunkt auch nur im Ansatz erwähnenswerte Probleme mit der Fahrtrichtung gab.
Wir haben uns auch relativ schnell an diese Eigenart gewöhnt, am Anfang war es aber durchaus befremdlich… Stellt man sich darauf ein, kann man mit der FatLab Federgabel eine Menge Spaß haben! Insgesamt würden wir die Verwindungssteifigkeit mal so beschreiben: noch nicht perfekt, aber absolut konkurrenzfähig!

Wo hakts?

Die Bremsleitung muss mit Augenmaß verlegt werden

Die Bremsleitung muss mit Augenmaß verlegt werden

Aber natürlich haben wir auch wieder ein paar Details ausgegraben, die wir definitiv auf unsere Wish List setzen würden. Zum einen wäre da der scharfkantige und wenig ergonomische Schnellspannverschluss der Steckachse. Da lauert Potential! Auch gibt es keine Befestigungspunkte für die Bremsleitung, hier haben wir uns mit Gewebeband (gegen Kratzer) und Kabelbinder entschieden. Tricky dabei: die Bremsleitung knickt beim Einfedern – wir empfehlen einen Test mit luftleerer Gabel um sicher zu gehen, dass die Leitung nicht in die Speichen kommt.
Auch ein Dämpfer mit mehr Verstellmöglichkeiten (oder überhaupt welchen…) wäre uns willkommen. Wenn dann noch eine progressivere Federkennlinie machbar und/oder ein weicher Anschlag bei Durchschlägen an Bord wäre, wären wir glatt schon zufrieden!

Was bleibt?

Sexy und kann was!

Sexy und kann was!

Performance, Verwindungssteifigkeit, Gewicht – geschenkt! Die FatLab Upside Down Federgabel ist ein solides Stück Technik und ist, auch wenn sie das Prädikat „knacksteif“ immer noch nicht verdient, absolut auf der Höhe der Zeit.
Die sehr straffe Abstimmung ist unserer Meinung nach perfekt für FATHardtails, wo eine ideale Zusammenarbeit aus FATtem Schlappen und Federgabel möglich ist. Bei hypersensibel arbeitenden FATFullies wie unserem Maxx Huraxdax lässt sich die FatLab Federgabel unserer Meinung nach dagegen nur schwer harmonisch ins Fahrwerk integrieren – hier wäre ein flexiblerer Dämpfer nötig, um mit dem feinfühligen Hinterbau mithalten zu können. Generell braucht die Gabel aber auch ein paar Tage, bis sie eingelaufen ist und optimal funktioniert.

Für 949,- Euro* erhält man damit eine grundsolide FATBike Federgabel – für Individualisten, für Designfreaks, für alle! Denn am Ende ist die FatLab eine Upside Down Federgabel die, mit ein paar kleinen Abstrichen, endlich mal überzeugen kann.
Die monströse FATte Optik gibt es als Schmankerl obendrauf – wem die spindeldürre Bluto schon immer suspekt war, der kann hier beherzt zugreifen!

4 Responses

  1. Dirk

    Grüßt euch!

    Schickes Teil, optisch eine Augenweide!
    Was mit im Artikel fehlt ist der direkte Vergleich zur Bluto.
    Schade drum, das macht meine Kaufentscheidung nicht leichter
    mit der ich mich rumschlage 😀

    Antworten
    • Matt

      Hi Dirk,

      danke für Deinen Kommentar. Die Gabeln sind schwer vergleichbar, bzw. sind sie sehr unterschiedlich. Kompromisse sind beide Gabeln und beide haben in etwa gleichwertige Vor- und Nachteile. Wir haben den Vergleich nicht gemacht, weil da sehr stark der persönliche Geschmack mitspielt.
      Ein Versuch: die Bluto ist nach unseren Erfahrungen ab Werk nicht gut auf den Einsatz im FATBike abgestimmt, mit ein paar Eingriffen mausert sie sich aber zu einer durchaus feinfühligen Gabel. Die FatLab funktioniert bereits „out of the Box“ sehr gut im FATBike, bietet aber kaum Möglichkeiten zur Abstimmung. Heißt, wenn sie Dir nicht passt, schaust Du ins Rohr.
      Auch bei der gefühlten Steifigkeit nehmen sie sich wenig, sie fühlen sich aber durchaus anders an. Die Bluto wird mehr oder weniger linear härter, je weiter man sie verdreht und sie biegt sich beim Bremsen merklich nach hinten. Die FatLab ist ein kleines Stück um die Mitte sehr weich um dann aber schlagartig recht steif zu werden. Beim Bremsen ist sie merklich (biege)steifer als die Bluto und neigt weniger zum „flattern“.
      Noch ein möglicher Punkt: die Bluto ist mit beliebiger Großserientechnik aufgebaut. Sie ist fast schon langweilig aber mit allen gängigen Standards kompatibel und besteht aus millionenfach bewährten Teilen. Die FatLab ist ein rattescharfes Stück, basiert aber komplett auf eigener Technik und ist z.B. nicht mit dem Maxle System kompatibel. Ist quasi eine Typfrage: Volkswagen oder Lancia? 😉
      Viel Spaß beim auswählen, sag uns was rausgekommen ist!

      FATte Grüße

      Matt

    • Matt

      Hi Steffen,

      super Tipp! Müssen wir direkt mal ranschaffen und testen. De spannende Frage ist, ob die andauernde Bewegung der Bremsleitung in den Führungen die Leitung irgendwann beschädigt bzw. die Gabel verkratzt. Einen Versuch ist es aber definitiv wert!
      Danke für den Hinweis!

      FATte Grüße

      Matt

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