Du hast noch nie vom Lappland Arctic Ultra gehört? Macht nichts. Denn wo „Ultra“ drauf steht, ist unser Freund Flori Reiterberger drin – und liefert uns spannende und interessante Einblicke. Flori war vor Ort um Anfang 2022 am ersten Arctic Ultra Event auf Europäischem Boden teilzunehmen. Nach seinen Erfahrungen beim Yukon Arctic Ultra, bei dem er auf seinem speziell aufgebauten Maxx Jagamoasta Arctic Edition als erster Biker überhaupt den 1. Platz belegt hat, war dieses Rennen quasi vor der eigenen Haustür ein Muss für den urigen Oberbayern. Flori hat uns erzählt, wie das Rennen lief und was die Herausforderungen und Highlights waren. Und das möchten wir euch natürlich nicht vorenthalten!

Lappland Arctic Ultra – wie es dazu kam.

Mann für's Grobe: Flori Reiterberger (Foto: Follow the Sun Photography)

Selbst unsere mentalen Fähigkeiten reichen aus um zu erkennen, dass „Yukon Arctic Ultra“ und „Lappland Arctic Ultra“ sehr ähnlich klingen. Und das ist kein Zufall – beide Veranstaltungen werden vom selben Veranstalter organisiert. Das Lappland Arctic Ultra sollte eigentlich bereits 2021 starten. Zum einen war es schon lange überfällig, die raue Schönheit des Europäischen Nordens in den Fokus zu rücken. Zum anderen war der Hintergedanke, europäischen Extremsportlern, die dank Corona nicht nach Nordamerika fliegen konnten, dennoch ein anspruchsvolles Event zu bieten. Wie wir wissen, kam Anfang 2021 alles anders, und so war nun eben 2022 das Jahr, in dem dieses Highlight starten sollte.

Alle am Start! (Foto: Follow the Sun Photography)

Wir werden demnächst in einem gesonderten Artikel tiefer in die Materie der Organisation und Teilnahmevoraussetzungen eingehen.

Ein Mann, ein Bike

Natürlich kann man mit Omas alten Damenrad in die Schneewüste rund um den nördlichen Polarkreis aufbrechen – dann tut es eben weh. Flori bevorzugt den Genuss (auch, wenn unser Verständnis von „Genuss“ durchaus auseinander geht), daher war wieder sein auf Schnee und Eis erprobter Maxx Jagamoasta am Start. Das Bike wurde gemeinsam mit dem Team von Maxx in Rosenheim zusammengestellt und im Detail auf den Einsatz in extremer Kälte optimiert. Wir haben in diesem Artikel beschrieben, was alles modifiziert wurde und wie.

Selfi aus unserer Mottenkiste: Flori und sein Jagamoasta in Alaska. (Quelle: Flori)

Anders als in den Jahren davor waren die Felgen diesmal aber nicht mehr Vee Tire Reifen bespannt, statt dessen durfte die Italienische Planierraupe Vittoria Cannoli zeigen, wie man weichen Schnee „al dente“ macht. Mit einem Druck vom 0,5 bar beim Start ging es los, auf weichem Schnee hat Flori den Druck auf bis zu 0,15 bar abgelassen, um maximalen Float zu generieren.
Auch das Packsystem wurde weiter optimiert: die bisher vielen kleinen Packtaschen mussten 2 15 Liter Textil-Packtaschen von VauDee weichen – eine Operation, der gleich noch der vordere Gepäckträger zum Opfer gefallen ist. So haben das vom Veranstalter vorgeschriebene Minimalgepäck und der individuelle Reisekomfort ausreichend Platz.

Traumziel Einsamkeit

Traum von vielen: Biken in unendlichen Weiten (Foto: Follow the Sun Photography)

Das Lappland Arctic Ultra bietet 2 mögliche Distanzen, 185km oder 500km. Egal, wofür man sich entscheidet: man ist in jedem Fall in einem denkbar schönen Winterwunderland unterwegs. In der Gegend rund um den nördlichen Polarkreis begegnet man nur wenigen Menschen, dafür Rentieren, Elchen, ein paar Wölfen und mit etwas Glück sogar dem Weihnachtsmann. Neben Flori haben sich 39 Starter (davon 3 Frauen) aus ca. 25 Nationen entschieden, die Herausforderungen von 500km in Schnee und Eis anzunehmen. Dabei gehen die Vorlieben auseinander – es wurde zu Fuß, auf Ski oder eben mit dem FATBike gestartet.

Schnee gab's reichlich, wenn auch weniger als erwartet. (Foto: Follow the Sun Photography)

Auch wenn einige Starter vom Wettkampf motiviert sind, ist für viele vor allem die Herausforderung der Einsamkeit der Antrieb zur Teilnahme. Es ist das Gefühl, ganz allein da draußen zu sein, in einer Welt, die zwar atemberaubend schön ist – allerdings auch nicht direkt für Menschen gemacht. Sich durch den eisigen Wind zu beißen, aus eigener Kraft, belohnt durch Bilderbuch-Panoramen – DAS ist der Stoff aus dem Abenteuer gemacht werden!

Nicht ganz das weiße Winter-Wunderland aus dem Bilderbuch… (Foto: Follow the Sun Photography)

Üblich für den hohen Norden im Februar sind endlose Weiten aus Schnee und vereisten Bäumen. Leider hat in diesem Jahr eine Front aus warmem Wetter einen Strich durch die eisige Rechnung gemacht: schneefreie Bäume und weicher Schnee waren das Ergebnis. Aber das tut der Mission ja keinen Abbruch!

Eine Frage der Motivation…

Wenn der Startschuss fällt, beginnt nicht nur das Abenteuer. Je nachdem, wie extrem die Bedingungen sind beginnt auch der Kampf. Es ist ein Kampf gegen die Kälte, den Sturm, den Schnee und die Dunkelheit der Polarnacht. Aber es ist auch ein Kampf gegen sich selbst – der innere Schweinehund möchte genau so besiegt werden wie Müdigkeit und Erschöpfung. Hier gibt es keinen Bikeguide, der zahlende Gelegenheitsbiker auf dem Weg zur nächsten Portion Käsespätzle und Weißbier mit markigen Sprüchen motiviert. Bei einem Arctic Ultra bist du auf dich allein gestellt.

Manchmal ist es ein Kampf… (Foto: Follow the Sun Photography)

Draußen in der echten Wildnis müssen deine Sinne immer geschärft sein. Höre den Wind, rieche die Luft, fühle den Schnee, sieh, was um dich herum passiert. Lies den Himmel und die Strecke, damit du weißt, was vor dir liegt. Und vor allem: füttere deine Motivation. Zweifel kann hier draußen niemand gebrauchen. Egal, ob 185 oder 500 (irre…) Kilometer vor einem liegen: ohne den unbändigen Willen, da durch zu kommen, geht nichts!

Wirklich ein Traum! (Foto: Follow the Sun Photography)

Wenn Flori aus seinem Nähkästchen plaudert, klingt das in etwa so: „Das ist alles wahnsinnig weitläufig da oben. Wenn du 10km nur geradeaus durch den Schnee fährst, das frisst irrsinnig an deinen Nerven. Auf dem weichen Schnee bin ich durchschnittlich nur 7,7km/h gefahren. Gut 50 der 500km ging gar nicht, da musste ich schieben.

…und der richtigen Strategie

Aber nicht nur die felsenfeste Motivation ist ein Muss – auch die richtige Strategie entscheidet. Und das tut sie nicht nur für das Durchkommen an sich, sondern auch für den Sieg – so man den denn will. Auf der Strecke gibt es mehrere Checkpoints (10 auf der 500km Distanz), manche sind einfach nur Fixpunkte in der Wildnis, andere bieten Komfort wie Hütten mit Schlafmöglichkeiten oder ein Lagerfeuer. Jedoch gibt es keine Vorgabe, wie diese Checkpoints zu nutzen sind – man kann pausieren oder einfach weiterfahren zum nächsten. Und natürlich kann man Pausieren wo immer man möchte. Oder muss…

Vollgas ist wichtig (Foto: Follow the Sun Photography)

Flori's Strategie war bestechend simpel: einfach drauf los fahren. Dabei hat er während des Rennens einen 22/2 Ansatz gewählt: 22 Stunden eines Tages wurden in Aktivität, also Biken, kochen, etc. verbracht und für 2 Stunden gab es Schlaf. Klingt wenig erholsam? Es ist nicht erholsam. Aber welches Abenteuer ist schon erholsam?… Seine längste Etappe dauerte 9,5 Stunden, in denen ca. 54km bezwungen wurden. Als Belohnung gab es einen kurzen Powernap – und die nächste Etappe! Aufgrund der andauernden Belastung ist Flori teilweise auf dem Bike eingeschlafen. Wie er selbst so schön sagt: „Der Körper holt sich das am Ende gnadenlos zurück!„.

Ruhe aber genau so! (Foto: Follow the Sun Photography)

Fairerweise muss man natürlich sagen, dass es nicht DIE Strategie gibt. Im Grunde kann man sich auch einfach Zeit lassen, von Checkpoint zu Checkpoint fahren, viele Pausen machen und die wilde Schönheit der nordischen Welt genießen.

Irgendwie war es einsam im Ziel. (Foto: Follow the Sun Photography)

Oder man macht es wie Flori, und legt einen Start-Ziel Sieg hin, wird Erster an jedem Checkpoint und ist auch noch der Erste, der beide Arctic Ultras in Overall Wertung gewonnen hat. Als wir ihn nach seiner Motivation gefragt haben, gab er zu Protokoll: „Ich will meine Ruhe haben und die Wildnis genießen, daher wollte ich mich schnell vom Feld absetzen und in Ruhe für mich allein fahren!„. Zumindest diesen Teil können wir gut nachvollziehen..

Was bleibt?

Da kann man mal gratulieren! (Foto: Follow the Sun Photography)

Auch wenn die Gründe zur Teilnahme genau so vielfältig sind, wie die Strategie, durch zu kommen – Arctic Ultra Events gehören zu den letzten echten Abenteuern. Auf sich allein gestellt erträgt man heute -10° am Tag, -17° in der Nacht und fährt morgen nach einem Wetterumschwung bei 12° durch weichen Schnee. Man startet bei Sonnenschein und kämpft sich kurz darauf durch einen Schnee- oder Eissturm. Und obwohl man sich der Natur hier weit mehr als üblich ausliefert, bietet das hervorragend organisierte Event ein hohes Maß an Sicherheit einige Rettungsanker, wenn doch mal was wirklich schief geht.
Dass erprobte Extremsportler wie Flori Reiterberger hier teilnehmen, ist nicht verwunderlich. Warum das Lappland Arctic Ultra jedoch auch für weit weniger kompromisslose Menschen geeignet ist, darauf gehen wir in einem unserer nächsten Artikel ein. Es lohnt sich also auf alle Fälle, dran zu bleiben!

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